Dirk Baecker Foto: Management Zentrum Witten
Dirk Baecker Foto: Management Zentrum Witten

Dirk Baecker ist deutscher Soziologe, Ökonom und Professor am Lehrstuhl für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee. 2008 hat ihn das Cicero Magazin in die Liste von 25 einflußreichsten Gelehrten in seinem Bereich aufgenommen. Baecker ist ein Schüler des berühmten Soziologen Niklas Luhmann und ein Anhänger der soziologischen Systemtheorie. Baecker ist Autor der 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft, die er in seinem Buch „Studien zur nächsten Gesellschaft“ entwickelt.  Unter anderem ist er Autor von Büchern: „Information und Risiko in der Marktwirtschaf“t 1988; „Womit handeln Banken?“ 1991; „Organisation als System“ 1999; „Wozu Kultur?“ 2000; „Schlüsselwerke der Systemtheorie“ 2005; „Form und Formen der Kommunikation“ 2005; „Studien zur nächsten Gesellschaft“ 2007 usw.

Professor Baecker, Sie behaupten, dass die Kulturform der nächsten Gesellschaft nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System sei. Dabei werden Identitäten nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Wie könnte die Übergangsphase in einem Land wie Russland praktisch aussehen?

Ihre Frage kann man nur beantworten, wenn man sich zuvor darauf verständigt, was unter der „Kulturform“ einer Gesellschaft zu verstehen ist. Niklas Luhmann hat diesen Begriff in seinem Buch Die Gesellschaft der Gesellschaft eingeführt und damit die Hypothese zum Ausdruck gebracht, dass der Sinnüberschuss, den alle Medien einer Gesellschaft – also Sprache und Schrift ebenso wie die Verbreitungsmedien Buchdruck, Presse, Rundfunk, Fernsehen, Internet sowie die Erfolgsmedien Macht, Geld, Wahrheit, Glaube oder Kunst – zusammengenommen produzieren, irgendwie auf eine Form reduziert werden muss, die es erlaubt zu entscheiden, welche Kommunikation angenommen und welche abgelehnt wird. Die Kulturform der modernen Gesellschaft war und ist das Gleichgewicht, die unruhige Selbstreferenz, die es erlaubt, jede Kommunikation anzunehmen, die einen Beitrag dazu leistet, dass man nicht den Anschluss verliert – in der Kommunikation einer Familie, im Entscheidungsprozess einer Organisation, im Zahlungskreislauf der Wirtschaft oder bei einer politischen Entscheidung, aber auch bei der Lektüre eines Buches oder bei einem lockeren Party Talk. Das gilt natürlich immer noch, denn wir stecken noch immer mitten drin in der modernen Gesellschaft, zumal wir erst jetzt anfangen, diese in ihrer Dynamik und Komplexität zu verstehen. Dennoch ist die Idee bei Autoren wie Marshall McLuhan, Michel Serres, Manuel Castells und eben auch Luhmann, dass wir mit der Einführung der Elektrizität, der Computer und des Internets in eine neue Medienepoche der Gesellschaft eintreten, die sich von der Epoche der Buchdruckgesellschaft genauso dramatisch unterscheidet wie diese von der früheren Epoche der Schriftgesellschaft. Es gibt eine neue Form des Sinnüberschusses, die sich der computervermittelten Kommunikation an Börsen, in der Wissenschaft, bei politischen Kampagnen, in den Social Media und vielen anderen „virtuellen” Orten verdankt und die nicht mehr durch die Kulturform des Gleichgewichts reduziert werden kann, weil sie zu schnell geworden ist, zu komplexe Informationen enthält und zu viele überraschende Verbindungen aufweist. Ja, manchmal vermute ich, dass das „System” diese neue Kulturform sein könnte, und zwar das emergente, aus unzuverlässigen Elementen eher fragil als robust gebildete System der Kybernetik zweiter Ordnung. Aber im Moment vermute ich eher, dass diese Kulturform das „Spiel” sein könnte, wie es von Gregory Bateson formuliert worden ist, und wie es in einer trivialisierten Fassung auch von der Spieltheorie Oskar Morgensterns und John von Neumanns beschrieben wird: Koordinations- und Konkurrenzspiele um die Möglichkeit der Grenzüberschreitung (Regelverletzung und Regelfindung) in einer offenen, sich laufend neu vernetzenden Welt. Russland hätte gute Chancen, hier in einer führenden Rolle mitzuspielen. Offenbar geht es in der Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur dieses Landes vornehmlich darum, Regelverletzung und Regelfindung laufend neu miteinander zu kombinieren. Niemand hält sich an irgendein Wissen, wie die moderne Demokratie, Marktwirtschaft, empirische Wissenschaft, autonome Kunst oder konfessionelle Religion eigentlich funktionieren müssten, sondern jeder versucht herauszufinden, was hier geht und was nicht geht, und sucht eher nach Partnern, die in der Lage sind, hier mitzuspielen, als nach Leuten, die schon (oder besser: noch) zu wissen glauben, wie es geht. Das streift, aus westeuropäischer Perspektive gesehen, zuweilen die Grenzen zur Kriminalität und ist mit der üblichen Selbstüberschätzung und auch Verzweiflung der Spieler verbunden, scheint mir jedoch bei der Exploration der heraufziehenden Netzwerkgesellschaft insgesamt nicht unangemessen zu sein. 

Kann der Übergang von dem üblichen Streben nach Gleichgewicht zu einem Spiel schmerzhaft sein? Kann es da Opfer geben? In Russland begegnen selbst dem natürlichen Prozess der Vervielfältigung der Gesellschaft auf vielen Ebenen Hindernisse: Man kann von einem Mangel an Demokratisierung in der Politik reden, von homophoben Gesetzen bis zu starken nationalistischen Stimmungen, wenn es um Migrationspolitik geht.

Ja, es handelt sich um einen äußerst ruppigen, oft brutalen Prozess. Ich kenne das gegenwärtige Russland nicht aus eigener Anschauung (ich war 1974 einmal in Moskau und, damals noch, Leningrad) und weiß nicht, ob es Zonen der Ruhe, mögliche Nischen des Rückzugs oder auch Felder des Abwartens gibt. Die Berichterstattung in den westeuropäischen Medien ist hier eher ambivalent, konfrontiert die neureichen Russen mit den dynastischen Konzernen, dem einfachen Volk, das um sein Überleben kämpft, und einer wachsenden Schicht unruhiger junger Absolventen von Schulen und Universitäten, die wissen wollen, auch gestalten wollen, wie es weitergeht. Es wundert mich nicht, dass bereits der Übergang vom „Sozialismus” zum „Kapitalismus” das Land überfordert, ganz zu schweigen vom Übergang von der Buchdruckgesellschaft zur nächsten Gesellschaft. Es wundert mich auch nicht, dass die aktuelle Politik in Russland diese Überforderung eher fördert als reduziert, denn sie profitiert davon, dass sie der einzige Ordnungsfaktor weit und breit ist. Aber umso wichtiger ist, dass der Mittelstand sich stabilisiert, dass Universitäten zur Ruhe finden, dass die Kunstszene sich normalisiert und dass die Kirche sich auf ihre Aufgaben der Pflege des Seelenheils besinnt. Denn diese Orte sind als Korrektive politischer Heilserwartungen, panischer Kulturkämpfe und nicht zuletzt der blinden Orientierung am wirtschaftlichen Erfolg dringend erforderlich.

Wird man überhaupt noch einen Staat in seiner jetzigen Form brauchen? Ein Parlament? In einer Zeit, in der jeder einen Laptop hat und Abstimmungen über Facebook durchgeführt werden können? Ist die Dichotomie Staat vs. Bürger an die Stelle von alten Dichotomien wie Bourgeoisie vs. Proletariat, Wurzelnation vs. Ausländer getreten?

Man wird auch in der nächsten Gesellschaft die Politik brauchen, das heißt einen Mechanismus, mit dem kollektiv verbindliche Entscheidungen getroffen werden können und Macht sowohl aufgebaut als auch kontrolliert werden kann. Ob diese Politik sich die Form des Staates geben wird, wie wir ihn heute kennen, ist allerdings ungewiss. Es gibt längst Formen eines Crowdsourcings von Entscheidungen, die von lokalen Bürokratien möglicherweise besser verwaltet werden können als vom gegenwärtigen Multiebenensystem einer regionalen, nationalen und internationalen Politik, das letztlich nur davon lebt, dass die „Nationen” nicht sterben können. Zuweilen wird vermutet, es fehle uns zur Ordnung der Weltgesellschaft ein Weltstaat. Ich bin eher der Meinung, dass wir noch viel mehr souveräne kleine lokale und regionale Politikzentren bilden sollten, die keinen Anlass haben, miteinander Krieg zu führen, weil ihnen sofort weitere Nachbarn in die Parade fahren würden, aber jeden Anlass, Verkehrssysteme und andere Infrastrukturen abzustimmen, gute Schulen anzubieten, angenehme Wohnviertel und funktionierende Gewerbegebiete. Vielleicht ist die politische Ordnung der Zukunft eine von Städten?

„Die Politik der nächsten Gesellschaft ist militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ. Die Macht, die ihr bleibt, ergibt sich aus der Überzeugungskraft des Status quo.“ Wie meinen sie dieses Konservativsein?

Ich interpretiere das Wort „konservativ” wörtlich: Es geht um die Bewahrung von Errungenschaften der menschlichen Gesellschaft und für diese Bewahrung vermutlich um eine endlose Serie von erforderlichen Innovationen. Wir müssen eine ganze Gesellschaft aus der exponentiellen Ausbeutung nicht erneuerbarer Energien befreien und in eine Kreislaufwirtschaft umbauen! Da wird in den nächsten einhundert Jahren, wenn wir das überhaupt schaffen, kein Stein auf dem anderen bleiben. „Militärisch konservativ” heißt, das Militär auf Aufgaben der Friedenssicherung zurückzunehmen. „Ökonomisch konservativ” heißt, aus dem extensiven in ein intensives Wachstum umzusteigen und nach Ordnungen der Akkumulation und Distribution zu suchen, die es der Menschheit erlauben, weiterhin ihr Leben auf unserem blauen Planeten zu sichern. Und „ökologisch konservativ” heißt, dass wir uns nicht an illusorischen und naturwissenschaftlich falschen „Gleichgewichten” in Natur und Gesellschaft orientieren, sondern an den erforderlichen Ungleichgewichten und ihrer Kontrolle. Wir müssen zugeben, dass wir bislang noch nicht einmal recht wissen, was das bedeutet.

„Religion, Politik und Wirtschaft treten ihre Orientierungsleistung an die Massenmedien ab. Die Allianz von Nachricht, Werbung und Unterhaltung wird paradigmatisch wichtiger als die Kommunikation mit abwesenden Göttern, die Einschränkung der Willkür und die Stabilität der Instabilität.“ Und weiter: „Die Moral der nächsten Gesellschaft wird darin bestehen, auf die Unanschaulichkeit dieser Gesellschaft mit Augenmaß zu reagieren.“ Das klingt gefährlich, das klingt nach Orientierungslosigkeit, nach ständigem Druck, eine Wahl treffen zu müssen. Werden die Menschen das überhaupt aushalten können, diese Situation, in der ihnen so viel Freiheit überlassen wird? Werden wir nicht verrückt werden? Nach Erich Fromm zum Beispiel tendiert der Mensch dazu, vor der Freiheit zu fliehen.

Ich mache mir keine Sorgen um Menschen, die Angst vor der Freiheit haben. Ich mache mir allerdings Sorgen um eine Gesellschaft, in der zu viele solcher Menschen politische und wirtschaftliche Zustände herbeiführen, die mehr mit Beton als mit Holz, Ziegeln und Zeltwänden zu tun haben. Angst vor der Freiheit braucht man nicht zu haben, denn diese Freiheit kann nur dazu genutzt werden, eine Entscheidung zu treffen, für sich und vielleicht auch für andere, wenn sie hinreichend attraktiv ist. Man bekommt es also sofort wieder mit Bindung und daher auch mit Orientierung zu tun. Angst vor der Freiheit haben nur die, die nicht den Mut haben, ihre Bindungen selber zu verantworten.

„Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.“ Bedeutet das, dass es gar keine Hierarchien in der Kunst geben wird, dass Shakespeare oder Dante, Thomas Mann oder Goethe, hätten sie in der nächsten Gesellschaft gelebt, bloß kurzlebige Erscheinungen gewesen wären?

Um Himmels willen, diese Hierarchien gab es noch nie! Kein Shakespeare ohne Marlowe, kein Dante ohne Petrarca, kein Goethe ohne einen Lenz, kein Thomas Mann ohne Heinrich Mann. Wer hier Hierarchien sucht, kennt sich nicht aus. Ein Kanon ist etwas für Dumme, denen andere sagen müssen, was sie lesen können. Goethe, Shakespeare oder Dostojewski stehen nicht über allen anderen, sondern leuchtend neben allen anderen. Und manche feiern sie nur, während sie ganz anderes lesen, etwa Georg Büchner, Laurence Sterne oder Iwan Gontscharow.

„Die Wissenschaft der nächsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch.“ Warum denn poetisch?

Eine gute und berechtigte Frage! Ich beziehe mich auf einen der Gründerväter der Kulturwissenschaft, Giambattista Vico, der in Neapel im Jahr 1725 die erste Ausgabe seiner Principi di una scienza nuova d’intorno all communa natura delle nazioni herausgebracht und dort vom poetischen Prinzip der Wissenschaft gesprochen hat. Vico wusste natürlich noch, dass „poiesis” im Griechischen das Hervorbringen eines Werkes bezeichnet, im Gegensatz zur „praxis”, die man um ihrer selbst willen betreibt, etwa Spazierengehen. Die Wissenschaft von heute flüchtet sich in eine Objektivität, die es schon lange nicht mehr gibt. Wir müssen einsehen, dass die Perspektive der Menschen inklusive ihrer Wissenschaft auf dieser Erde radikal subjektiv ist. Denn dann können wir daran arbeiten, zu verstehen, wie sehr wir mit unserer Wissenschaft längst die Welt gestalten, während wir das Gegenteil behaupten. Praktisch ist unsere Wissenschaft ein Teil des Designs unserer Welt und deswegen schon längst poetisch, will das aber nicht zugeben und täuscht daher sich und uns bezüglich ihrer wahren und ganz und gar nicht immer heilsamen Wirksamkeit.

Das Wort „ratlos“ wird mehrmals in Ihren 16 Thesen wiederholt: Die Erziehung ist ratlos, das Individuum ist ratlos. In jeder These steckt eine gewisse Bodenlosigkeit der nächsten Gesellschaft. Ist diese eine intuitive Gesellschaft? Haben wir gar nichts, worauf wir uns verlassen können?

Die Wiederholung des Wortes „ratlos” war mir noch gar nicht aufgefallen. Interessant. Für mich sind Ratlosigkeit und vor allem das Eingeständnis von Ratlosigkeit eine der größten Tugenden überhaupt. Gefährlich sind vor allem die Leute, die nie ratlos sind. Ihre Unsicherheit verbergen sie, indem sie schon wieder in die nächste blinde Aktivität springen. Unsere Gesellschaft ist bodenlos, ja, aber nur in dieser Bodenlosigkeit hat sie Kontakt zur Evolution der Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde. Hätte die Gesellschaft ein eigenes Fundament, wäre sie dem nächsten Tsunami hilflos ausgeliefert. So aber ist die Gesellschaft in jeder Situation wie die Arche Noah: Sie sammelt die, die angesichts der Sintflut rechtzeitig ihre Ratlosigkeit erkannt und eingestanden haben, und setzt die Segel, um woanders vorläufig ankern zu gehen. Das einzige, worauf wir uns verlassen können müssen, ist unsere Beweglichkeit.

Haben Sie Angst vor der Zukunft, Professor Baecker?

Ich kenne die Zukunft nicht, kann also vor ihr auch keine Angst haben.  

Links zum Thema

Internetseite von Dirk Baecker

Dirk Baecker in Wikipedia

SRF Sendung Sternstunde Philosophie mit Dirk Baecker