Thomas Metzinger ist Professor für theoretische Philosophie an der katholischen Johannes Gutenberg-Universität Mainz und einer der besten Spezialisten im Bereich der Bewusstseinsphilosophie in der Welt. Sein 2009 erschienenes Buch für das breitere Publikum “The Ego Tunnel – The Science of the Mind and the Myth of the Self”, in welchem er über die kulturellen und sozialen Folgen der Bewusstseinsforschung nachdenkt, und dessen frühere Version für Spezialisten “Being No One – The Self-Model Theory of Subjectivity”  machten ihn zum gern gesehenen Gast beim deutschsprachigen Fernsehen und zum  Vortraghalter bei dem TED-Event. Von 2009 bis 2011 war er Präsident der internationaler  Association for the Scientific Study of Consciousness. Professor Metzinger leitet die Abteilung der neuroethischen Forschung in Mainz und die Arbeitsgruppe MIND.

Professor Metzinger, als Bewusstseinsphilosoph behaupten Sie, dass die organisierte Religion ein kollektives Wahnsystem sei.  Was meinen Sie zu dem Fall Pussy Riot? Die Band hat die religiösen Gefühle von den Gläubigen verletzt.

Pussy Riot ist der Stolz der russischen Seele. Für mich als von weit  außen auf die Dinge Schauenden sind sie der Ausdruck des unbedingten Willens zur Wahrhaftigkeit – sie sind nämlich genau der Teil der russischen Seele, der sich weigert, seine Würde zu verlieren, indem man sich selbst etwas in die Tasche lügt. Pussy Riot sind konservativ im allerbesten Sinne: Sie pochen auf Anstand, und zwar die Bewahrung unserer inneren Anständigkeit in einer sehr schweren und verwirrenden Zeit, auf den tiefen Wert der intellektuellen Redlichkeit und den bedingungslosen Willen zur Wahrheit. Früher ging es um absolute Wahrhaftigkeit Gotte gegenüber, was wir heute brauchen ist eine radikale Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber – und zwar gerade dann, wenn die Zeiten schwierig sind und die Aussichten auf Erfolg nur gering. Pussy Riot sind das Prinzip Selbstachtung. Eine Zierde Russlands. Ich weiß genau, dass das für viele absolut unverständlich klingt. Deshalb muss ich es erklären.

Zuallererst: Religiöse Gefühle sind wahrscheinlich die tiefsten und schönsten Gefühle, zu denen Menschen überhaupt fähig sind, und man sollte sie niemals absichtlich verletzen – außer es gibt wirklich gute Gründe dafür. Manchmal geht es einfach nicht anders und dann ist es auch ethisch richtig, das zu tun, weil man damit großes Leiden in der Zukunft verhindern kann (zum Beispiel das langsame Abgleiten in eine Theokratie iranischen Stils). Es ist aber extrem schwer zu sehen, wann das der Fall ist, und wann nicht. Ein Problem mit dem Stolz der Revolutionäre ist, dass er oft in praktischer Hinsicht sehr unklug ist und leicht zu noch viel größerem Leiden führen kann. Warum ist das so? Der Mensch ist das einzige Tier, das weiß, dass es sterben muss. Die kulturelle Evolution des Menschen hat die organisierten Religionen hervorgebracht, die sich ursprünglich aus dem Ahnenkult und dem Schamanismus entwickelt haben. Die moderne Wissenschaft zeigt nun, dass zwei wichtige Aspekte der Religion in der Stabilisierung sozialer Hierarchien und in der Verdrängung der eigenen Sterblichkeit liegen: Organisierte Religionen sind kulturelle Adaptionen. „Kollektives Wahnsystem“ ist vielleicht etwas zu stark, aber Organisationen wie die ROK sind – nicht NUR, aber AUCH – Systeme der gemeinsamen Selbsttäuschung die uns bei der Endlichkeitsverleugnung helfen, bei dem Versuch den Schmerz der Sterblichkeit psychologisch zu managen. Daraus folgt: Wenn man diese Systeme direkt angreift, löst man bei Millionen von Menschen unbewusste Todesangst aus. Man bedroht die Integrität Ihres Selbstgefühls und löst die entsprechenden Verhaltensreaktionen aus, die dann von den Herrschenden perfekt ausgebeutet werden können. Das ist manchmal politisch unklug.

Pussy Riot sind der Stolz der russischen Seele. Aber Stolz kann sehr leicht oberflächlich werden. Es gibt auch die Gefahr der Selbstgefälligkeit.  Ja, man muss um seine Wahrhaftigkeit und seine Selbstachtung kämpfen. Aber man muss auch die unbewusste Todesangst der anderen achten, ihre Verwirrtheit, ihren Schmerz und ihre verzweifelte Suche nach emotionaler Sicherheit. Nur dann werden sie vielleicht zuhören. Und man muss sehen, dass viele andere nicht jung und stolz und schön sein können. Am Ende geht es ja nicht nur um Putin und die Popen – es geht um den bösen Zaren in jedem von uns. Das Gegenteil von Religion heißt nämlich nicht Wissenschaft oder Pussy Riot. Das Gegenteil von Religion ist Spiritualität. Was wir in dieser extrem schwierigen Übergangsphase eigentlich brauchen, ist eine neue Kombination von Spiritualität und intellektueller Redlichkeit. Wenn die Revolution nicht oberflächlich werden soll, dann braucht sie neben der politischen und der moralischen Integrität eben auch die geistige Redlichkeit, die intellektuelle Integrität – und wenn man diesen Punkt genauer untersucht, dann zeigt sich überaschenderweise, dass der Wille zur Wahrhaftigkeit in Wirklichkeit ein Sonderfall der spirituellen Einstellung zum Leben ist. (Ich habe diesen Zusammenhang in einem Vortrag zu erläutern versucht, der frei im Internet verfügbar ist, als Video mit englischen Untertiteln und als Text in englischer Übersetzung).  Was wir vielleicht besser verstehen müssen, ist genau die Form des Willens zur Wahrheit, die die Revolutionärin mit der Mystikerin verbindet. Könnte der russische Frühling vielleicht ganz anders werden als der arabische Frühling?

Russland befindet sich in einer der bittersten Phasen seiner Geschichte, und die Familie der Völker schaut zu. Lassen Sie mich einen Aspekt der Situation hervorheben, am Beispiel von zwei anderen Ländern aus dieser schrecklichen Familie. George Bush hat das Ansehen von Amerika ruiniert, und zwar nachhaltig, für viele, viele Jahre. Millionen Menschen auf der ganzen Welt, von Patagonien bis in die Mongolei, von Neuseeland bis Alaska haben die Bilder aus Abu-Ghuraib im Fernsehen gesehen und ganz still für sich selbst gedacht: „Aha – das heißt es also, wenn die Amerikaner die Demokratie bringen!“ Es war etwas ganz Konkretes, etwas, das jeder verstehen konnte. Dann haben all diese Menschen gesehen, dass die Amerikaner tatsächlich – wenn auch sehr knapp – den texanischen Christen George Bush wiedergewählt haben. Und sich innerlich kopfschüttelnd abgewandt mit einer Mischung aus Unverständnis und Abscheu – too much is too much. Das zweite Beispiel für den Totalverlust der Reputation: Italien nach Berlusconi. Das war eigentlich eher lustig, nicht ganz so schrecklich anzusehen und am Fernsehen auch angenehm zu konsumieren: Bunga-Bunga, Porno-Stars im Parlament und bestimmt hat sich auch die russische Mafia vor Lachen auf die Schenkel geschlagen über die Kollegen vom Mittelmeer. Ein ganz eigener Stil, nicht wahr? Aber dann haben alle gesehen, dass die Italiener Berlusconi tatsächlich wiedergewählt haben. Ja, das haben sie getan. Der Ruf Italiens ist nachhaltig ruiniert – und mal ehrlich, wer möchte ihnen jetzt wirklich Geld leihen? Das Gefährliche an der Situation in Russland ist, dass auch Putin und die ROK gerade dabei sind, das Ansehen des Landes und den Ruf  der großen russischen Seele in der Familie der Völker nachhaltig und endgültig zu ruinieren. Die ganze Welt wartet auf Assads Fall, und sieht sehr deutlich Putins Unterstützung. Die ganze Welt sieht jetzt das Skandalurteil gegen Pussy Riot, und das Risiko besteht, dass die Weltfamilie sich innerlich kopfschüttelnd abwendet und Russland einfach vergisst – too much is too much. Was für ein Mangel an Souveränität! Im Westen sind viele Millionen von Menschen stolz auf Pussy Riot (und zwar auch solche, die ihre Aktionen ästhetisch und politisch falsch finden). Wir alle hoffen, dass die russische Seele endlich wieder aufsteht und ihre Selbstachtung wiederfindet.  

Wie die Hirnforschung bestreiten Sie als Philosoph, dass der Mensch ein Ich, eine Seele und ein Selbst hat. Eine sehr mutige These.

Die Idee, dass es kein Selbst gibt, ist ja nicht neu. Schon David Hume und Immanuel Kant haben gesagt, dass es kein Selbst im Sinne einer Substanz gibt, die auch ganz allein existieren könnte. In der Philosophie des Geistes gibt es so gut wie niemanden mehr, der noch an eine Seele glaubt, die unabhängig vom Körper existiert. Neu an meinem Ansatz ist vielleicht die Erklärung dafür, wie sich die Vorstellung eines bewussten Selbst entwickelt hat. In enger Zusammenarbeit mit Kognitionswissenschaftlern und Hirnforschern habe ich hierzu eine Theorie entwickelt. Was wir im Alltag als „das“ Selbst bezeichnen, ist meines Erachtens der Inhalt eines inneren Bildes: ein Darstellungsvorgang, der im Gehirn während des Wach- und Traumzustandes abläuft. Dieser Prozess erzeugt ein bewusstes Selbstmodell. Weil wir dieses Modell aber nicht als ein Modell erleben können, haben wir das Gefühl, ein Selbst zu sein: Ein „Ich-Gefühl“ entsteht. Es geht mir nicht darum, den Personenstatus zu zerstören oder das Selbstgefühl zu entwerten. Im Gegenteil: Wir sprechen beim Selbstmodell von einem faszinierenden, hochkomplexen Gebilde. Es geht um genau das, was Personalität, Subjektivität und kritische Rationalität überhaupt erst möglich macht. Es geht um den Erkenntnisfortschritt: Das Selbst existiert nicht als Ding, wie die meisten Menschen außerhalb der Wissenschaft immer annahmen. Es ist nur der Inhalt eines Vorgangs, der sich im Laufe von Jahrmillionen der Evolution ständig weiterentwickelt hat: vom einfachen tierischen Organismus, der sich durch seinen Körper von der Umwelt abgrenzte, hin zum Menschen, der etwa auch das rationale Denken beherrscht und ein Moralgefühl hat.

Das widerspricht doch einer anderen langen und fundierten Tradition in der europäischen Philosophie: Platon und Aristoteles vertraten die These, es gebe einen innersten Kern menschlichen Wesens, eine Seele, und somit hat der Prozess der Selbsterkenntnis ein Ende.

Vielleicht ist das ja auch so – aber wo genau liegt dann die Grenze zwischen diesem mysteriösen Kern und dem, was man noch verstehen kann? Heute wissen wir, dass wir auf Begriffe wie Seele und Selbst in der Wissenschaft sehr gut verzichten können. Wir können unser Ich-Gefühl ohne sie erklären – etwa dadurch, dass das Gehirn ein Modell des eigenen Organismus erzeugt, diesen Vorgang aber so nicht durchschauen kann. Jedenfalls brauchen wir diese Konzepte nicht, um zu begreifen, wie überhaupt so etwas wie Selbstbewusstsein im Menschen entstand. Das lässt sich aus der Evolutionstheorie, der Entwicklungspsychologie und der Soziologie heraus viel besser verstehen. Und in der Philosophie geht es schon lange ohne eine unsterbliche Seelensubstanz.   In der Lebenswelt, in Literatur und Kunst werden wir Begriffe wie Seele oder Selbst weiter gebrauchen. Das sind andere Ebenen. Und ganz falsch wäre es, wenn wir mit dem naturalistischen Menschenbild der Wissenschaft einfach über unser inneres Erleben hinwegreden würden. Denn auch wenn es mir derzeit nicht danach aussieht: Es könnte sich durchaus herausstellen, dass unsere naturwissenschaftliche Sprache versagen muss, sobald wir über uns selbst sprechen. Gibt es subjektive Tatsachen, Löcher im wissenschaftlichen Weltbild? Als Philosoph wäre ich sehr zufrieden mit diesem Ergebnis. Nur möchte ich dann bitte ganz genau wissen, was diese Tatsachen sind, die nur man selbst kennen kann und sonst keiner.

Welchen Einfluss üben kulturelle und soziale Komponenten auf das Bewusstsein aus? Und umgekehrt: Welchen Einfluss können die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung auf Kultur und Gesellschaft haben?

Unsere Gesellschaft lebt derzeit in einer Kultur der Verdrängung. Durch die modernen Neurowissenschaften wissen wir eigentlich schon einiges über den menschlichen Geist. Aber viele Menschen versuchen trotzdem, an einem einfachen, politisch und religiös korrekten Menschenbild festzuhalten. Das funktioniert auf Dauer nicht, da aus dem Erkenntnisfortschritt unweigerlich auch neue Technologien entstehen. Schon sind neuartige medizinische Eingriffe am menschlichen Gehirn möglich, etwa zur Behandlung von Parkinson und schweren Depressionen. Vielleicht wird es bald neue Medikamente geben, die die geistige Leistungsfähigkeit nicht nur im Alter, sondern auch bei gesunden jüngeren Menschen erhöhen können. Und im Bereich der künstlichen Intelligenz werden Technologien wie autonome Waffensysteme und Lügendetektoren entwickelt, die auch das Militär und die Geheimdienste interessieren. Intellektuelle Redlichkeit und gute angewandte Ethik werden deshalb immer wichtiger. Da neue juristische Entscheidungen anstehen, wächst auch der Bedarf an Politikberatung.

Die Evolution umfasst nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen eben auch die Entwicklung des menschlichen Geistes. Gier, Eifersucht oder Elternliebe sind genauso schrittweise in der Evolution entstanden wie Flügel, Augen oder Gehirne. Patriotismus ist primitives Stammesdenken, die Identifikation mit der eigenen Gruppe hat eine lange biologische Geschichte, sie ist etwas das wir mit vielen Tieren gemeinsam haben. Die Hirnforscher und die evolutionspsychologen wollen bestimmt nicht böswillig unser Menschenbild zerstören. Sie liefern lediglich eine bessere Entscheidungsgrundlage für ethische Fragestellungen – und übrigens auch einen großen Beitrag zum alten philosophischen Ideal der Selbsterkenntnis. Manche Geisteswissenschaftler, Kirchenvertreter und Politiker versuchen, die wissenschaftlichen Fakten zu leugnen, weil diese schmerzhaft sind. Aber wir müssen uns dem Vorgang der Selbsterkenntnis stellen – und unser Wissen einsetzen, um unsere Autonomie zu erhöhen.

Sind Autonomie und Willensfreiheit bei heutigem Stand der Selbsterkenntnis überhaupt noch möglich?

Noch gibt es keine vollständig überzeugende philosophische Theorie der Willensfreiheit. Es gibt aber einen Konflikt zwischen dem Millionen Jahre alten biologischen Selbstmodell im Gehirn und neuen Theorien in der Wissenschaft. Man kann auch nicht wirklich glauben, dass man vollständig determiniert ist: Damit würde man letztlich seine geistige Gesundheit schwer beschädigen. Das ist das eigentliche Problem: Das bewusste Selbstmodell, das uns die Evolution mitgegeben hat, sagt uns ja, dass wir aus dem Blauen heraus neue Entscheidungen treffen können, das wir Ursachen einfach so setzen können.

Wir verstehen im Moment immer besser, dass das Bewusstsein ein ganz besonderer   Forschungsgegenstand ist, weil es fast immer an eine individuelle Erste-Person-Perspektive gebunden ist. Wir wissen nicht genau, was das heißt, aber die Inhalte des Bewusstseins werden natürlich auch von seiner kulturellen Einbettung bestimmt. Ontologisch ist es sicher so, dass dann, wenn alle Eigenschaften des Gehirns feststehen, auch alle Eigenschaften des bewussten Erlebens festgelegt sind. Die Inhalte der Gedanken sind dagegen etwas ganz Anderes, sie hängen natürlich vom sozialen Kontext, unserer Geschichte und kulturellen Einbettung ab – von der Sprachgemeinschaft, mit der wir sie öffentlich machen. Das bewusste Erleben dagegen ist genau das, was zwischen einer echten Wahrnehmung und einer Halluzination mit demselben Inhalt gleich ist. Darum geht es in der Bewusstseinsforschung. Wie wir die Welt erleben, wird lokal im Gehirn determiniert.

Nun die Frage: Wenn in unserer sozialen Umwelt, in unserer Kultur immer mehr Informationen darüber auftauchen, wie das Selbstmodell im Gehirn verankert ist, was seine biologische Geschichte war, verändern sich dadurch vielleicht nicht nur das Bild vom Menschen und die Annahmen, die wir über uns selbst machen, sondern auch unser Selbsterleben? Kann wissenschaftliche Selbsterkenntnis psychosomatisch krank machen? Oder gesünder? Wenn in meiner Kultur jeder glaubt, so etwas wie „Gedankenlesen“ mit neuesten technischen Methoden möglich ist oder dass es die Willensfreiheit nicht gibt – wie verändert dies das Selbstmodell in unseren Köpfen?

Es gibt auch allererste wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen,die mit Informationen konfrontiert werden, die ihren Glauben an die Willensfreiheit schwächen, Impulse schlechter kontrollieren können, zu egoistischerem Verhalten neigen und bei Tests auch häufiger betrügen, dass Aggressivität verstärkt und Hilfsbereitschaft geschwächt wird. Jetzt stellen Sie sich vor, die Theorie, dass es keine Willensfreiheit gibt, wäre schlicht falsch, aber sie würde durch einen unglücklichen Zufall nicht nur in den Medien transportiert, sondern auch von Vielen geglaubt. Danach wird sie in einen kulturellen Kontext eingebettet, wodurch es sein könnte, dass sich Millionen von Menschen anders erleben und anders verhalten – eine falsche Theorie, die kulturell eingebettet worden ist, kann unser aller Selbstmodelle beeinflussen. Und das emotionale Selbstmodell steuert unser Verhalten – denken Sie nur an die organisierten Religionen und die erste Frage, die Sie mir in Ihrem Interview gestellt haben. Dieses Beispiel lässt sich auf ganz viele andere Bereiche übertragen, wobei aber die Theorien durchaus auch richtig sein könnten: Wenn immer mehr Menschen davon überzeugt werden, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, dass das Bewusstsein grundlegend ein biologisches Phänomen oder kulturelle Evolution nur ein Sonderfall biologischer Evolution ist; falls das tatsächlich wahr ist und immer mehr Menschen verstehen und fest davon überzeugt sind, dass die Evolution auf beiden Ebenen keine Richtung hat und kein Ziel verfolgt, dass deshalb zum Beispiel auch geistige Eigenschaften in einem Prozess entstanden sind, der niemals einen „Sinn“ im traditionellen Verständnis hatte, dann verändert das uns emotional, intellektuell und möglicherweise auch unbewusst. Ich denke, das ist eine Entwicklung, die nicht frei von Risiken ist.

Die Idee, dass ein Selbst bloß eine Illusion sei, ist auch ein Teil einer anderen Tradition. Die buddhistische Philosophie nämlich behauptet das schon seit 2500 Jahren und durch die esoterische „Veröstlichung“ des Westens wird die Pop-Version dieser Vorstellung in Europa immer erfolgreicher. Ist es ein positiver Prozess?

Eine gute Frage. Wirklich schwer zu sagen. Positiv ist es, wenn immer mehr Menschen tatsächlich praktizieren und aktiv mit dem eigenen Bewusstsein arbeiten – zum Beispiel durch ideologiefreie Formen von Achtsamkeitsmeditation. Negativ ist es, wenn die Leute sich einfach nur wieder in ein metaphysisches Disneyland zurückziehen, in das, was der Philosoph Friedrich Nietzsche „geistiges Schrebergärtnertum“ genannt hat. In meinem Buch „The Ego Tunnel“ habe ich gefordert, dass es in unseren Schulen Meditationsunterricht geben sollte. Wenn Achtsamkeitstraining und modernes  Aufmerksamkeitsmanagement zu unseren Zielvorstellungen gehören, sollten wir auch danach  fragen,  welchen  Beitrag die  Hirnforschung dazu  leisten kann, dass sie tatsächlich in unserem Erziehungssystem implementiert werden. Ich sage: Jedes Kind hat das Recht, in der Schule einen »neurophänomenologischen Werkzeugkasten« zu erhalten. Die Mindestausstattung sollte aus zwei Meditationstechniken bestehen, einer im Sitzen und einer in Bewegung; zwei standardisierten  Techniken für die Tiefenentspannung, wie etwa autogenem Training und progressiver Muskelentspannung; zwei Techniken zur Verbesserung der Traumerinnerung und zum Erlernen des Klarträumens und vielleicht auch einem Kurs in einem neuen Fach, das man »Medienhygiene« nennen könnte.  Wenn neue Manipulationsmöglichkeiten die geistige Gesundheit unserer Kinder bedrohen, müssen wir diese mit wirksamen Instrumenten ausstatten, damit sie sich selbst gegen neue Gefahren verteidigen und ihre geistige Autonomie erhöhen können.

Heute greifen die Werbe- und Unterhaltungsindustrie uns aus dem Mediendschungel heraus an, indem sie die innersten Fundamente unserer Erlebnisfähigkeit selbst attackieren und uns immer tiefer in eine vollkommen unüberschaubare und verwirrende Umwelt hineinzerren. Die modernen Aufmerksamkeitsräuber versuchen, uns so viel wie möglich unserer knappen Ressource wegzunehmen – und sie tun dies auf immer eindringlichere und intelligente Weise. Im Westen können wir bereits jetzt die allerersten Auswirkungen erkennen, in der epidemischen Ausbreitung von Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern und jungen Erwachsenen, in zunehmenden Burnout–Symptomen also des Ausgebranntseins in der mittleren Lebensphase und in einem ansteigenden Ängstlichkeitsniveau in weiten Teilen der Bevölkerung. Ist das in Russland auch so?

Mein Vorschlag für eine Gegenmaßnahme angesichts dieser sich verstärkenden Angriffe auf unsere Aufmerksamkeitsreserven besteht darin, in allen unseren Schulen Meditationsunterricht einzuführen. Junge Menschen müssen sich zuerst der begrenzten Natur ihrer eigenen Fähigkeit zur Aufmerksamkeit bewusst werden. Dann sollten sie Techniken erlernen, die ihre Fähigkeit zur Achtsamkeit verstärkt und ihre Fähigkeit, sie aufrecht zu erhalten, maximiert – also Techniken, die in der Schlacht gegen die kommerziellen Aufmerksamkeitsräuber hilfreich sein werden (und die nebenbei auch einen Referenzrahmen schaffen, der dann bereits besteht, wenn unsere Kinder sich mit den ersten Versuchungen durch Alkohol und bewusstseinsverändernde Drogen konfrontiert sehen). Besonders wichtig ist natürlich, dass solche Meditationskurse in einen weltanschaulich vollkommen neutralen Rahmen stattfinden – keine Kerzen, keine Räucherstäbchen, keine Glöckchen. Erinnern Sie sich, was ich am Anfang gesagt habe: Spiritualität ist Gegenteil von Religion. Deshalb stelle ich mir auch eher den Sportlehrer als natürlichen Ansprechpartner vor und keinesfalls den Religionslehrer. Meditation könnte vielleicht Teil des Sportunterrichts sein: Immerhin ist auch das Gehirn ein Teil des eigenen Körpers – ein Teil, der trainiert werden und sorgfältig gepflegt werden muss.

Sie schlagen eine neue Bewusstseinskultur vor. Was ist für sie charakteristisch?

Wenn wir das menschliche Bewusstsein bald immer besser kontrollieren können, dann müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, was überhaupt ein guter Bewusstseinszustand ist und wie wir in Zukunft leben wollen. Vielleicht besteht der beste Weg, dies zu erreichen, in einer flexiblen Grundeinstellung, einem Ansatz, der wo immer möglich die Autonomie und die Freiheit des einzelnen Bürgers maximiert. Das neu entstehende Menschenbild besitzt eine ganz eigene spirituelle Tiefe. Unser bewusster Erlebnisraum ist viel größer, als die meisten von uns auch nur ahnen. Das sagt uns die Wissenschaft. Wir können lernen, besser und genauer mit unserem Gehirn umzugehen. Es geht darum, das neue Wissen über das Bewusstsein und die neuen Handlungsmöglichkeiten in die Kultur einzubetten. Allerdings sind die Chancen, so etwas tatsächlich zu realisieren, eher gering. Auch bei der Klimakatastrophe schreien uns die Fakten von allen Seiten an, aber wir handeln trotzdem nicht. Warum sollten wir es schaffen, eine Bewusstseinskultur zu entwickeln, wenn wir noch nicht einmal in der Lage sind, unser eigenes Überleben zu sichern?

Welche Fähigkeiten bräuchten wir, um auf die gegenwärtigen Herausforderungen adäquat zu reagieren?

Bewusstheit, Einfühlungsvermögen und einen rationalen Umgang mit Zukunftswerten. Die intellektuelle Redlichkeit, über die wir am Anfang gesprochen haben – und eine gute, wissenschaftliche Theorie über den menschlichen Geist und seine biologischen Wurzeln, eine kritische Neuroanthropologie. Wir müssen ganz einfach den Tatsachen ins Angesicht schauen. Wer politisch etwas verändern will, braucht ein realistisches Bild der Tiefenstruktur des menschlichen Geistes – zum Beispiel auch seiner evolutionären Geschichte. In der Welt unserer Vorfahren war die Umwelt so unsicher und schwer vorhersagbar, dass sie sich zum Beispiel auf jede fett- oder zuckerreiche Nahrung stürzten, damit Artgenossen ihnen nicht zuvorkamen und weil sie nicht wussten, wann sie das nächste Mal etwas finden. Gier, Zukunftsblindheit und Rücksichts losigkeit waren damals wichtige Eigenschaften, um die eigenen Gene in die nächste Generation zu bringen. Das Leben war so schwer und gefährlich, dass Zukunftsplanung lange ein Luxus war. Das hat bis heute zur Folge, dass uns emotional kaum etwas interessiert, was jenseits unserer Enkelkinder liegt. Die Solidarität mit künftigen Wesen lässt dann sehr schnell nach. Also erhalten wir unseren Lebensstandard im Wissen, dass hunderte von Generationen nach uns deswegen eine wesentlich geringere Lebensqualität haben werden: Wir beuten die Zukunft aus.

 Links zum Thema

Internetseite von Thomas Metzinger

Thomas Metzinger in Wikipedia

SRF Sendung Sternstunde Philosophie. Thomas Metzinger diskutiert mit Gast-Moderator Richard David Precht