Darüber, wie der Sport die „großen“ Ideologien ersetzte, über die Olympischen Spiele, autoritäre Führer und die künftige Etappe des postmodernen Sports sprach ich mit dem Philosophen Wladimir Nischukow, Initiator des Offenen Seminars für Sportphilosophie an der Lomonossow-Universität Moskau.

 

Welches Interesse hat ein akademischer Philosoph am Sport? Dem Durchschnittsbürger erscheint diese Kombination möglicherweise völlig undenkbar.

Die Sportphilosophie hat sich im Westen als eigenständige akademische Disziplin bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts etabliert. Der Sport ist als Element der soziokulturellen Landschaft der Neuzeit meines Erachtens von außerordentlicher Bedeutung und bedarf einer philosophischen Durchdringung. Auch in der UdSSR gab es eine Sportphilosophie, aber sie war vorrangig an den Sporthochschulen angesiedelt und stand im Dienst der Ideologie. Ungeachtet dessen entstanden damals relativ interessante Arbeiten wie die von Wladislaw Stoljarow beispielsweise. Heute ist die Sportphilosophie in Russland praktisch nicht institutionalisiert, aber ich hoffe, dass die Entwicklung unseres Offenen Seminars für Sportphilosophie an der Moskauer Staatlichen Universität direkt oder mittelbar zu einer solchen Institutionalisierung führen wird.

Wie definieren Sie die vordringlichste Aufgabe der Sportforschung?

Allen ist klar, dass sich der Sport, in erster Linie im Profibereich, in einer tiefen Krise befindet. Diese Krise kann man verschieden interpretieren: ökonomisch, politisch, philosophisch. Mich interessiert, was nach dem Sport kommt. Was zum Beispiel aus der Leichtathletik wird, wenn alle denkbaren Rekorde aufgestellt sein werden. Vielleicht statten sich die Athleten dann massenweise mit Prothesen aus, wie sie der traurig berühmte Paralympionik Oscar Pistorius aus Südafrika verwendet, der die Erlaubnis erhielt sich im Wettkampf mit gesunden Athleten zu messen. Vielleicht ändert man die Art und Weise der Zeitmessung (auf Tausendstel Sekunden genau): Aber das würde automatisch die früheren Rekorde entwerten. Generell besteht die vorrangige Aufgabe der Sportphilosophie meiner Meinung nach darin, auf Probleme nicht nur hinzuweisen, sondern auch Entwicklungsszenarien vorauszusagen und mögliche Lösungen anzubieten, also eine professionelle humanwissenschaftliche Expertise des Sports zu liefern.

Wie lässt sich aus Ihrer Sicht die Popularität des Sports erklären? Wie hat sich seine Wahrnehmung im Laufe der Zeit verändert?

Mir scheint, dass nach der Säkularisierung der Gesellschaft (übrigens spricht man jetzt schon von Postsäkularisierung) der Sport zu jenem Raum geworden ist, in dem der Mensch den alltäglichen Rahmen verlassen und einen ekstatischen Zustand erreichen kann. Außerdem verleiht das Zuschauen beim Sport den Betrachtern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das viele nach dem Scheitern der sogenannten „großen“ Ideologien vermissen. Je nach Sportart kann man Gefallen an entblößten Körpern, graziösen Bewegungen, dem Zusammenspiel mit Geräten und vielem mehr finden. Das Reizvollste am Sport ist meines Erachtens die bis an ihre Grenzen gehende Nutzung menschlicher Möglichkeiten im Rahmen strenger Regeln. Wenn zum Beispiel ein Fußballer aus einem unglaublichen Winkel ein Tor schießt oder der Basketballer einen Rebound im Korb versenkt.

In Kürze werden in Russland die Olympischen Spiele stattfinden (das Interview wurde 2013 gemacht). Bitte geben Sie uns einen philosophischen Kommentar zu dem bevorstehenden Großereignis.

Der Olympismus ist ein großes eigenständiges Thema in der Philosophie und Soziologie des Sports. Manche prophezeien das baldige Ende der olympischen Bewegung aus ökonomischen Gründen. Die Olympiade in Sotschi zum Beispiel wird sich entgegen allen offiziellen Aussagen niemals rentieren. Und Statistiken der Fernseh- und Onlinezuschauer besagen, dass das Interesse an den Spielen sinkt. Schauen Sie sich Curling an? Ich auch nicht. Das bedeutet, dass sich kommerzielle Sponsoren von der Finanzierung des IOK zurückziehen werden. Ich denke, dass es auch in Zukunft Olympische Spiele geben wird, aber sie werden in Ländern der Dritten Welt stattfinden, deren autoritäre Führer damit den Versuch unternehmen Prestige zu erlangen.

Es ist kein Geheimnis, dass der Sport heute vom Staat für seine Ziele genutzt wird. Wann kam es dazu, dass der Sport aufhörte eine persönliche Angelegenheit zu sein und zur Staatssache wurde? Wann passierte das in Russland und warum?

Die staatliche Unterstützung für den Sport setzte in Russland mit Beginn des Ersten Weltkriegs ein, als man beschloss die Sportvereine für militärische Zwecke zu nutzen (Ausbildung von Fliegern, körperliche Ertüchtigung der Rekruten und so weiter). Zu dieser Zeit nimmt der Sport in der gesamten westlichen Welt Massencharakter an. Bei uns jedoch herrschte unmittelbar nach der Revolution eine trotzkistische Auffassung vom Sport, die der Jagd nach Rekorden, dem Hochleistungssport, den Kampf ansagte. Aber dann hat man auch in der Kommunistischen Partei verstanden, dass der Sport ein gutes Mittel ist, um die Vorzüge des sowjetischen Systems zu demonstrieren. Auch heute nutzt der Staat das Interesse der Bürger an Sportveranstaltungen und Stars aus. Um zum Beispiel ethnische Spannungen zu entschärfen, verweist man auf die zahlreichen Vertreter nationaler Minderheiten unter den Spitzensportlern.

Welches ist das Thema Ihrer eigenen Forschungsarbeit?

Meine Dissertation ist dem Thema der Körperlichkeit in der Sportphilosophie gewidmet. Mich interessiert, welche philosophischen Körperkonzepte in der Sportphilosophie und -soziologie Anwendung finden, welche Auswirkungen das auf die Sportwissenschaft (biologische, biomechanische, pharmakologische Studien) und auf die Sportpraktiken hat. Außerdem beschäftigt mich das Thema des postmodernen Sports, zu dem ich Ethnosport, Cybersport, Fitness, LGBT-Sport und vieles mehr zählen würde.

Sie versuchen die Sportforschung bei sich an der Fakultät zu popularisieren. Wie steht die Gemeinschaft der akademischen Philosophen an der Moskauer Universität dazu?

Trotz einiger Skepsis, die einzelne Wissenschaftler der humanwissenschaftlichen Sportforschung entgegenbringen, kommt uns die Verwaltung der Fakultät immer entgegen. Sowohl der Dekan Wladimir Mironow als auch viele andere Lehrkräfte, angefangen von Spezialisten für antike Philosophie bis hin zu Experten für Urbanistik, sind in unseren Seminaren mit Fachbeiträgen aufgetreten. Im Moment sind wir dabei, gemeinsam mit den Mitarbeitern und Aspiranten der Fakultät den Start eines fakultätsübergreifenden Kurses in Sportphilosophie vorzubereiten. Außerdem ist in Zusammenarbeit mit Waleri Anaschwili, dem Chefredakteur der philosophisch-literarischen Zeitschrift Logos, eine Sonderausgabe der Zeitschrift zum Thema Sport in Vorbereitung. Zwei solcher Themenhefte sind bereits zu einem früheren Zeitpunkt erschienen, aber diesmal wird eine große Anzahl russischer Autoren vertreten sein, während in den bisherigen Ausgaben Übersetzungen von Beiträgen ausländischer Autoren überwogen.

Das Interview wurde ursprünglich für das Dossier „Sport“  des Moskauer Goethe-Instituts geführt.