Die Hamburger Slavistik-Professorin Marion Krause und ihr Forscherteam haben festgestellt, dass russische Dialekte häufig mit hohen ethisch-moralischen Werten verknüpft werden. Doch das ist nicht das einzige Ergebnis des Forschungsprojekts, das verglichen hat, wie Menschen aus unterschiedlichen Regionen Russlands die Sprachvarietäten anderer Regionen wahrnehmen. Darüber sowie über Autos in der Taiga erzählte Frau Prof. Dr. Krause im Interview.

Frau Dr. Krause, erzählen Sie von Ihrem Forschungsprojekt zum Image regionaler Varietäten. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet zu diesem Thema zu forschen? Und warum in Russland?

Vor einigen Jahren arbeitete ich an der Ruhr-Universität Bochum in Projekten, die mit viel Feldforschung in Russland verbunden waren; sie wurden großzügig von der Volkswagen-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Gemeinsam mit Prof. Christian Sappok und russischen Kollegen und Kolleginnen waren wir damals in Russland unterwegs, um Dialektdaten aufzuzeichnen und sie anschließend aufzuarbeiten. Immer wieder wird ja kolportiert, es gebe in Russland gar keine Dialekte mehr. Aber das stimmt natürlich nicht – nur verändern sich die regionalen Dialekte, wie sich im Übrigen ja auch die Standardsprache – in Russland spricht man meist von der Literatursprache – im Laufe der Zeit verändert. Aber auch in den Städten, in denen wir weilten, wird unterschiedlich gesprochen, nicht zuletzt auf Grund historischer Einflüsse der umliegenden Dialekte. In uns keimte daher eine Frage auf, die in Russland vorher niemand untersucht hatte: Was wissen eigentlich Russinnen und Russen über die dialektale Vielfalt ihrer Sprache? Erkennen sie, woher ein Dialektsprecher kommt? Werden Dialekte unterschiedlich wahrgenommen und bewertet – sowohl hinsichtlich ihrer Distanz zur Standardsprache als auch danach, ob sie angenehm oder unangenehm wirken? Welches Image bekommen sie zugewiesen? Wir hatten schon mit unserer Arbeit begonnen, als 1999 eine Publikation erschien, die dieser Forschungsrichtung ihren Namen gab: Perceptual dialectology.

Unsere Leser würden bestimmt gerne wissen, wie so eine Forschung praktisch verläuft? Was für Experimente wurden durchgeführt? Anhand wovon wurden Schlüsse gezogen?

Zunächst wurden auf zahlreichen Expeditionen Sprachaufnahmen gemacht. Jede dieser Expeditionen auf das russische Land, in Dörfer und Stanizen, ist für mich unvergesslich. Vor allem deshalb, weil wir in unseren Gesprächspartnern vielen beeindruckenden Persönlichkeiten und hervorragenden Erzählern begegneten. Während der Expeditionen lernte ich viel von den russischen Feldforschern, allen voran von Leonid Kasatkin vom Institut für russische Sprache der Akademie der Wissenschaften und von Elena Moškina, einer begnadeten Feldforscherin aus Kirov. Wir arbeiteten mit einer Methode, die man in der Wissenschaft autobiographisch-narratives Interview nennt: Wir baten unsere Gesprächspartner einfach, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Und bekamen russische und europäische Geschichte zu hören, nicht aus der Feder von Historiographen, sondern aus den Mündern einfacher Menschen. Auszüge aus diesen Interviews dienten dann als Material zur Erforschung der Images von Dialekten. Sie wurden mit mehreren experimentellen Aufgabenstellungen Hörern aus verschiedenen Regionen Russlands vorgespielt.

Haben Sie von Deutschland aus geforscht oder musste man mehrmals ins Feld gehen?

Diese erste umfangreiche Untersuchung war nur möglich dank der Kooperation mit zahlreichen russischen Kolleginnen und Kollegen, die den Großteil der Experimente in Russland durchführten. Sie alle wurden an der ersten großen Publikation vom Jahr 2003 beteiligt. Die Vorbereitung der Studie und die Auswertung der Daten erfolgten in Deutschland. Ähnlich lief es bei jener Studie, die ich 2010 gemeinsam mit meiner Kollegin Vera Podrušnjak mit mehr als 140 Testpersonen an der Geisteswissenschaftlichen Universität in Kirov durchführte. Ohne enge Zusammenarbeit mit Kollegen und Kolleginnen sind solche aufwändigen empirischen Studien vor Ort gar nicht möglich. Ich hatte das große Glück, immer Menschen zu finden, die sich für meine Ideen begeisterten und mit mir gemeinsam Forschungen durchführten.

Worin liegen die regionalen Besonderheiten der Sprache überhaupt? Wieso spricht man in Krasnodar anders als in Murmansk?

Hier muss ich einräumen, dass sich unsere bisherigen Forschungen zu den Images regionaler Sprache – die Sprachwissenschaftler sprechen von Varietäten – im Wesentlichen auf ländliche Dialekte beziehen. Doch in allen Erhebungen haben wir auch Sprecherinnen aus Städten bewerten lassen: aus Moskau, St. Petersburg, Perm´ und Kirov. Das Phänomen, dass sich auch Stadtsprachen voneinander unterscheiden, wurde in der russländischen Soziolinguistik bereits Ende der 1920-er Jahre von Nikolaj Karinskij und Boris Larin beschrieben, dann aber lange Zeit eher negiert und erst seit Ende der 1970-er Jahre wieder thematisiert. Heute spricht man in diesem Zusammenhang von lokal gefärbter Standardsprache, von Regionalstandard oder sogar von Regiolekt. Um zu verstehen, warum die Menschen in Krasnodar zum Beispiel anstelle des (g), das in der russischen Standardsprache gesprengt wird, einen Reibelaut realisieren, und in Murmansk das unbetonte (o) in Wort gorod als o-artigen Laut sprechen und nicht wie in der Standardsprache reduzieren, muss man die Besiedlungsgeschichte der Städte kennen. Die Bevölkerung dieser Städte speist sich bis heute vor allem aus der Region; Menschen verließen Dörfer, zogen in kleinere Städte oder gleich in die Gebietshauptstadt. Ihre Sprache hatten sie im Gepäck; vieles passten sie der Standardsprache an, manches übernahmen sie von Sprechern anderer Dialekte – so kam in den Städten zu zahlreichen Sprachangleichungen. Aber manche regionalen Merkmale blieben recht stabil, erwarben sogar lokales Prestige, zeugen bis heute von regionaler Identität. Sie werden an die Kinder weitergegeben, die häufig keinen direkten Bezug mehr zu Dialektsprechern haben und selten im Dorf weilen. Der erste Wissenschaftler, der sich fragte, warum in einer solchen Sprachkontaktsituation manche Sprachmerkmale aufgegeben werden, andere jedoch bestehen blieben, war übrigens ein Russe: Viktor Žirmunskij mit seinen Arbeiten zu den russlanddeutschen Dialekten in Russland.

Bekanntlich ist der Alltag in Russland voller Überraschungen. Gab es irgendwelche Schwierigkeiten im Laufe des Projektes? Gibt es vielleicht eine witzige Geschichte, die Sie uns erzählen könnten?

Schwierigkeiten? Naja, die gibt es immer. Es ist Winter. Schnee. Region Vjatka. Sie sind unterwegs in ein Dorf, biegen von der Magistrale ab, fahren einen Waldweg. Aber die Karte stimmt nicht so recht. Oder der Weg ist nicht drauf. (Alles noch ohne GPS!) Vor einer Weggabelung können Sie nur noch raten. Und dann schlingern Sie mit Ihrem Uazik (ein tolles Gefährt für Expeditionen, robust und zuverlässig!) nur noch über den glatten Waldweg. Bis Sie merken: Es war die falsche Richtung! Es wird schon dunkel, sie hören die Wölfe heulen … Der Fahrer rudert zurück. Im Dorf sagt man Ihnen: Wo seid Ihr denn geblieben, wir haben schon überall angerufen! (Noch kein Handy!) Das Essen ist doch schon kalt! Und dann führen Sie trotzdem tolle Gespräche, offen, ehrlich, interessant! Mit vielen Wörtern, die ich als Nichtrussin nur aus dem Kotext erschließen kann, Dialektismen eben. Und danken von Herzen Ihrem russischen Chauffeur: Sie sind die besten Fahrer der Welt!

Könnten Sie die Ergebnisse Ihrer Forschung kurz skizzieren? Gab es etwas, was Sie persönlich nicht erwartet haben?

Russische Muttersprachler in Russland unterscheiden klar zwischen Standard und Dialekt, und sie können auf einer groben mentalen Karte relativ gut zuordnen, wo der gehörte Dialekt gesprochen wird. Das greift allerdings nicht für Sprachsample aus dem Fernen Osten, wo sich im Kontakt mit den Sprachen indigener Völker offenbar sehr spezifische Sprachformen des Russischen herausgebildet haben. Die Unterscheidung Dialekt – Nichtdialekt treffen auch Herkunftssprecher des Russischen, die in Deutschland aufwachsen. Sie haben aber nur selten eine Vorstellung, wo wie gesprochen wird und entscheiden offenbar vor allem nach dem Kriterium der Vertrautheit. Nordrussische Dialekte weichen für das Gehör von Russen stärker von der Standardsprache ab als südrussische Dialekte. Offenbar werden sie auch deshalb als unangenehmer klingend bewertet. Andererseits wird mit dialektaler Sprache insgesamt häufig ein positives Image verbunden, und zwar mit Blick auf Zuschreibungen, die ethisch-moralische Werte und Verhaltensweisen markieren: Fleiß, Aufrichtigkeit, Güte; hier schneidet der Norden sogar besser ab als der Süden. Bei der Zuschreibung sozialer Statusmerkmale liegen Dialekte (und ihre Sprecher) hinter der russischen Standardsprache: Dialektsprecher arbeiten schwer, sind materiell nicht abgesichert, nehme keine wichtigen Positionen ein und drücken sich nicht so eloquent aus. Interessanterweise zeigen Herkunftssprecher des Russischen in Deutschland in der Tendenz ähnliche Zuschreibungen.

Die Deutschen, die ich kenne, sind oft sehr stolz auf die regionalen Dialekte, die sie sprechen. Nach meiner alltäglichen Beobachtung ist es in Russland eher nicht der Fall. Stimmt das? Was beeinflusst denn das Image einer Sprachvarietät?

Auch in Deutschland ist das Bild nicht ganz so homogen; Fremdbild und Selbstbild unterschieden sich oft. Dazu gibt es inzwischen zahlreiche Studien. Vielleicht kennen Sie den wunderbaren französischen Film „Willkommen bei den Sch´tis“ – dann verstehen Sie sicher, was ich meine. Die Situation in Russland ist aber tatsächlich noch etwas anders als in Deutschland. Die regionalen Dialekte wurden in Russland lange Zeit stigmatisiert, was wohl zeitweise in allen europäischen Ländern – vielleicht mit Ausnahme der Schweiz – der Fall war. Das begann schon in der Zarenzeit und ist in Verbindung mit dem Ausbau des Schulwesens zu sehen. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde den Dialekten zunächst eine loyale bis wertschätzende Haltung entgegengebracht; dafür gibt es Belege. Das Verhältnis änderte sich bereits in den 1920-er Jahren drastisch. Die Bauern wurden als sozial rückständige Klasse, ihre Sprache als rückgewandt und überholt betrachtet ˗ und behandelt. Die russische Standardsprache hingegen symbolisierte jenes Bildungsideal, das späterhin eine allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit auszeichnen sollte. Die Idee einer Diglossie wurde nicht verfolgt; sie bahnt sich erst langsam ihren Weg und bedeutet Wertschätzung und Pflege der regionalen Sprachvarietät, in der die Primärsozialisation vieler Menschen in Russlands Weiten nun einmal stattfindet, und zugleich den funktional relevanten Erwerb der Standardsprache, ohne die fast nirgendwo in Europa sozialer Aufstieg möglich ist.

Wäre so ein Projekt in Deutschland vorstellbar? Im Gegensatz zu Russland unterscheidet man hier doch mühelos Fränkisch von Platt und Bayerisch von dem etwa Berliner Dialekt?

Es gibt solche Projekte auch in Deutschland. Man forscht zum Deutschen unter anderem in Marburg und Kiel, aber auch in Hamburg. Ich selbst schaue mir zu Zeit gemeinsam mit meinen Studierenden die zweisprachig russisch-deutsch in Deutschland Aufgewachsenen sowie Migranten der ersten Generation an, zur Zeit noch mit Blick auf das Russische. Die Frage, wie diese Menschen zum deutschen Varietätenraum stehen, liegt natürlich in der Luft.

Welche Region hat das beste Image in Russland? Warum?

Diese Frage kann man nicht mit einem Satz beantworten. Das höchste Prestige hat die Standardsprache. Aber was man darunter versteht, variiert von Region zu Region. Statusbezogene Kategorien, die auf Bildung, Einkommen, gesellschaftliche Position abheben, sehen ebenfalls die Standardsprache vorn – in unseren Experimenten repräsentiert von Sprechern aus Moskau und St. Petersburg. Mit Blick auf bestimmte ethisch-moralische Kategorien punkten jedoch die Dialekte.

Kann man anhand von Ergebnissen Ihrer Forschung irgendwelche Schlussfolgerungen über das Gesellschaftsklima in Russland machen? Und wenn ja, dann was zeichnet es aus?

Das ist eine sehr globale Frage. Unsere Daten liefern Evidenz für regionalsprachliches Bewusstsein. Ich glaube insgesamt, dass das Selbstbewusstsein der Regionen und ihrer Einwohner in den letzten 20 Jahren gewachsen ist.

Wie werden sich die Dialekte in Russland zukünftig entwickeln? Ist es möglich einige Tendenzen zu nennen?

Sie werden sich verändern. Sie werden möglicherweise großräumiger. Aber eine Varietät, die dem Standard gegenüber steht, wird sicher bestehen bleiben. Vielleicht nehmen die großräumigeren Regiolekte irgendwann einmal die Position der Dialekte ein ˗ wie die heutigen Dialekte jene Position im Varietätenspektrum eingenommen haben, die vor 100 Jahren „tiefe“ Dialekte mit vielen starken Merkmalen innehatten. Sprache birgt Varianz, weil sie in verschiedenen Funktionen verwendet wird. Weil Menschen Varianz brauchen.

Sprache und Gesellschaft: Wie beeinflussen sie sich gegenseitig? Lokal sowie global?

Die Spezies Mensch ist in der Lage, mit sprachlichen Mitteln soziale Wirklichkeit zu erzeugen. Wir können damit sogar Krieg treiben, den Krieg der Köpfe, bei dem es oft nicht bleibt. Dessen sollten sich alle, die mit Sprache zu tun haben – Politiker, Journalisten, aber eigentlich jeder von uns – bewusst sein.

Das Interview wurde ursprünglich für das Dossier des Moskauer Goethe-Instituts „Sprache und Gesellschaft“ geführt.