Mischa Gabowitsch, geboren 1977, ist Zeithistoriker und Soziologe. Er studierte in Oxford und Paris und promovierte an der Pariser Ecole des hautes études en sciences sociales (Hochschule für Sozialwissenschaften, EHESS). Er hat an der Princeton University unterrichtet und ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein Forum in Potsdam. 2013 erschien bei Suhrkamp sein Buch „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“, das von manchen Experten als „…eines der besten Bücher über die russische Gesellschaft“ bezeichnet wurde.

Im Dezember 2011 begann in Russland eine spontane selbstorganisierte Welle von Protesten. Viele liberal eingestellte Russen erinnern sich an die Zeit und an das Gefühl, die Politik beeinflussen zu können. Viele, darunter auch ich, hatten dieses Gefühl zum ersten Mal. Doch es war eine sehr chaotische Protestbewegung. In Ihrem Buch heißt es, Bewegung sei „keine Gruppierung sondern ein Zustand“. Wessen Zustand war es? Wie kann man über den Zustand einer Masse von Menschen Aussagen treffen? Wie sind Sie vorgegangen?

Mit der Formulierung meinte ich etwas ganz Einfaches. Die klassische Forschung zu sozialen Bewegungen ist in den 1960er Jahren in Nordamerika und Westeuropa entstanden, wo solche Bewegungen in einem starken Maße von Organisationen und Verbänden getragen wurden. In Russland, aber auch in vielen anderen Ländern ist dies heute sehr oft nicht der Fall. Gerade 2011-13 gerieten viele Menschen, wie Sie an Ihrem eigenen Beispiel beschreiben, in einen neuen Zustand – den einer erhöhten Bereitschaft zu öffentlichem Protest. Anders gesagt, sie gerieten in Bewegung. Was aber nur begrenzt entstand, waren Bewegungen im anderen Sinne des Wortes – mehr oder weniger stabile Organisationen oder Netzwerke, durch die der Protest eine institutionelle Basis hätte bekommen können. Aus statistischen Erhebungen wissen wir, dass die meisten Proteste nicht durch Parteien oder Verbände, sondern durch spontane Zusammenschlüsse von oft unerfahrenen Teilnehmern organisiert werden. Deshalb kann man hier als Forscher nicht mehr die traditionelle Methode anwenden, in erster Linie AktivistInnen bestimmter Organisationen zu interviewen.

Meine Innovation war es, systematisch Slogans zu sammeln, die Einzelne im ganzen Land auf Demonstrationen mitgebracht haben – in Form von Plakaten, Schildern usw.

Außerdem habe ich, ebenso wie andere Kollegen, viele Interviews mit einzelnen Protestteilnehmern geführt. Daraus kann man keine repräsentativen Schlüsse ziehen, wohl aber verschiedene Teilnehmertypen identifizieren.
„Zustand“ meint aber auch noch etwas anderes, denn obwohl nur eine Minderheit beteiligt war, haben die Proteste auch die Verhältnisse in der Gesamtgesellschaft ein Stückweit geändert—nur nicht in die Richtung, die sich die meisten Protestierenden erhofft hatten. Das sieht man schon daran, dass sich die politische Führung seit 2012 immer weniger mit Verweis auf wirtschaftliche Erfolge legitimiert und viel stärker durch die Betonung konservativer Vorstellungen von Familie und Gesellschaft. Dadurch spielen Vorstellungen von inneren und äußeren Feinden, vor denen man diese Ideale verteidigen muss, wieder eine stärkere Rolle bei der Selbstwahrnehmung.

Wie haben Sie Ihre Interviewpartner gewählt? Welche Fragen haben Sie gestellt, um nach der Analyse der Antworten eine Aussage machen zu können?

Wie gesagt ging es mir darum, verschiedene Typen zu identifizieren. Deshalb hatte ich bis auf einige Standardfragen keinen festen Fragebogen, sondern habe jeweils versucht, mehr über die Motivation zum Protest und dessen verschiedene Formen zu erfahren. In den Sozialwissenschaften spricht man von halbstrukturierten Interviews. Insbesondere interessierten mich die verschiedenen Protestthemen, die 2011-13 plötzlich zusammenkamen: Umwelt- und Sozialthemen, städtebauliche Auseinandersetzungen, der Kampf um die Versammlungsfreiheit, der massive Protest von Wahlbeobachtern usw. Das Faszinierendste an der Protestwelle waren die Momente, in denen die verschiedenen Aktivisten und Anliegen zusammenkamen und sich sozusagen in einer gemeinsamen Arena trafen – ob in Moskau auf dem „Marsch der Millionen“ am 6. Mai 2012 oder auf kleineren Kundgebungen in der Provinz. Oft genug redeten oder liefen die Menschen dabei einfach aneinander vorbei, zuweilen kam es im Weiteren aber auch zu produktiver Zusammenarbeit.

Gab es Slogans, die Sie besonders überrascht oder Ihnen einfach besonders gefallen haben?

Überraschendes gab es, um ehrlich zu sein, recht wenig. Die meisten Slogans, die in Blogs und Online-Netzwerken dokumentiert wurden, kreisten um die Themenkomplexe Wahlfälschung, Korruption und Machtmonopol von Putin und dem Geeinten Russland. Es gab einige Plakate, die bestimmte Tendenzen des Protests sehr gut auf den Punkt brachten. „Wir sind keine Opposition, sondern Bürger unseres Landes“ zeigte das Dilemma auf, dass man zwar gegen Putin protestiert, der politischen Opposition aber ebenso skeptisch gegenübersteht.

„Putin kaputt“ drückt ein bestimmtes Schwarzweißdenken aus, das den Großen Vaterländischen Krieg als Deutungsmuster bemüht, die Politik als Kampf zwischen Gut und Böse interpretiert und den Abgang eines Herrschers allein schon als Lösung für alle Probleme darstellt.

Viel interessanter war für mich aber die Dynamik zwischen verschiedenen Protestteilnehmern, die auch in der Präsentation von Slogans in Online-Medien zum Ausdruck bekam. Besonders witzige Sprüche und originelle Wortspiele zu bereits bekannten Themen wurden sehr gerne dokumentiert; Plakate hingegen, die sehr konkrete Anliegen zur Sprache brachten, gingen eher unter. Letztere werden oft von älteren oder gesellschaftlich marginalisierten Menschen mitgebracht. Inzwischen beobachte ich auf Demonstrationen in Russland das Phänomen, dass gerade solche Außenseiter zum Teil ganz bewusst mit originellen Plakaten um die Aufmerksamkeit der anderen Teilnehmer werben – nicht zuletzt um einfach Bekanntschaften zu knüpfen. Andererseits sieht man auf den Antikriegsprotesten seit 2014, dass die Formulierungen weniger spielerisch und stattdessen ernster und direkter werden.

Im Interview mit Katharina Raabe haben Sie gesagt, Sie seien nach der damaligen Arbeit im Feld den „Farbrevolutionen“ gegenüber noch skeptischer geworden? Warum? Ist so etwas in Russland nicht möglich? Wie lange braucht Russland, damit die Entwicklung allmählich passiert?

Es ist müßig, über langfristige zukünftige Entwicklungen zu spekulieren – Sozialwissenschaftler sind für solche Prognosen kaum besser qualifiziert als intelligente Laien.

Was die bunten (und alle anderen) Revolutionen angeht, kann ich nur sagen, dass die Aktivisten, die ihnen zum Sieg verhelfen, kaum jemals selbst an die Macht kommen und sich in den langfristigen Ergebnissen oft kaum wiedererkennen.

Gerade im postsowjetischen Raum ist es oft genug so, dass selbst genuine Massenbewegungen am Ende meist doch nur Teile der alten politischen Elite an die Macht hieven. Im russischen Fall sollte man sich vielleicht weniger auf Putin kaprizieren, sondern die Evolution gesellschaftlicher Institutionen ansehen: Hört die Polizei auf zu foltern und wird zum Beschützer der einfachen Bürger? Wird die Armee zu einem effektiven Verteidigungsinstrument statt eines Mechanismus zur Gewalterziehung und Einschüchterung? Schafft das Bildungssystem echte Aufstiegschancen für breite Teile der Bevölkerung? Trägt das Gesundheitssystem zu einer besseren Lebensqualität und höheren Lebenserwartung bei? Werden verschiedene Familienformen und Geschlechterrollen anerkannt statt jedem ein einheitliches Modell überzustülpen? Wenn solche Fragen bejaht werden können, kann man von einer positiven Entwicklung sprechen. Ein bloßer Machtwechsel durch eine politische Revolution reicht dafür nicht aus.

„Bewegung als Zustand“, keine organisierte Opposition sondern vielmehr die „politische Ökonomie der Gefühle“ – diese Formulierungen kommen in Ihrem Buch vor und implizieren scheinbar die Flüchtigkeit und die Instabilität der Protestbewegung. Die Propaganda der russischen Medien sowie der Putinsympathisanten im Ausland (etwa „Compact“) weiß durch Gefühlen gut zu manipulieren. Wie viele Menschen, Ihrer Einschätzung nach, die 2011-2012 auf die Straßen gingen, fallen 2015 unter die legendären 87 Prozent der Bevölkerung, die Putin unterstützen? Sind die 87 Prozent aus ihrer Sicht überhaupt eine realistische Zahl?

Mit Verlaub, da bringen Sie einiges durcheinander. Wenn Sie Gefühle als beliebig manipulierbar ansehen und die Erforschung des Umgangs damit als Verlegenheitslösung angesichts schwacher politischer Organisationen, dann stellen Sie sich gegen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Emotionsforschung, die in den letzten Jahrzehnten die Geistes- und Sozialwissenschaften ungemein bereichert hat.

Unter dem Titel „politische Ökonomie der Gefühle“ habe ich etwas beschrieben, was im Hinblick auf andere Länder auch als „emotionale Regime“ analysiert worden ist.

Es geht darum, welche Gefühle wo und in welcher Form öffentlich zur Schau gestellt werden können und wo nicht – und wie solche Möglichkeiten erkämpft werden. In Russland geht es ganz konkret darum, dass unter Putin wieder nur bestimmte Emotionen in der großen Öffentlichkeit legitim sind—Patriotismus, Stolz, die Verachtung von Feinden und Andersdenkenden usw. Andere Gefühlsbekundungen sind beileibe nicht verboten, ihnen sind aber ganz bestimmte gesellschaftliche Orte zugewiesen – spezialisierte Fernsehshows, bestimmte Segmente des Internets oder aber halböffentliche bzw. private Räume. Dieses Regime wird mit durchaus handfesten Mitteln erreicht, von selektiver Zensur bis hin zur systematischen Verhaftung Protestierender oder deren Verbannung aus den Stadtzentren.
Die Protestierenden haben es 2011-13 zeitweise erreicht, dass andere Gefühlsausdrücke wieder legitim wurden – ausgelassene Ironie, Verachtung gegenüber den Machthabern, Scham für Verfehlungen des Staates usw. Am Ende fehlte es ihnen dann tatsächlich an der Fähigkeit zur Institutionalisierung, wodurch das alte emotionale Regime wieder die Oberhand gewann. Durch vermeintlich patriotische Erfolge wie den Anschluss der Krim und den Kampf gegen immer neue Feinde wird es wieder befeuert. Der sichtbarste Ausdruck davon sind die wütenden Reaktionen etwa auf kritische Aktionskunst wie die von Pjotr Pavlenskij oder die Ächtung von Kritikern als „Nationalverräter“.
Dieses emotionale Regime erklärt ein Stückweit auch die von Ihnen angesprochenen Umfragewerte. Ich könnte jetzt einerseits sehr lange über die Schwäche von Umfragen als soziologischem Erklärungsinstrument sprechen, andererseits darf man die hohen Zahlen auch nicht kleinreden. Wichtig ist aber zu verstehen, dass in Umfragen nicht isolierte liberale Individuen eine rational vorreflektierte Meinung von sich geben, sondern die Meinungsforscher werden als Vertreter dieser großen Öffentlichkeit gesehen, in der Patriotismus angesagt und Kritik eher verpönt ist – und die Antworten entsprechend angepasst. Die Ergebnisse sind also auf ihre Weise durchaus aussagekräftig, geben aber kaum Auskunft über alltägliche Verhaltensmuster oder auch nur die tatsächliche Bereitschaft des Einzelnen, für Putins Politik Opfer zu bringen.
Schließlich: Wie viele derer, die 2011-13 protestiert haben, sich jetzt als Putinbefürworter sehen und warum – das ist tatsächlich eine faszinierende Frage. Dazu habe ich bislang aber überhaupt keine Studien gesehen, nur anekdotische Berichte.

Gibt es im kollektiven Gedächtnis der Russen etwas, was den „Zustand der Protestbewegung“ verwurzeln und stabilisieren könnte? Etwas, was dem Affekt „ich kann die politische Realität beeinflussen“ eine rationale, nachhaltige Grundlage geben könnte? War der Große Vaterländische Krieg möglicherweise so eine Zeit?

Mit dem Begriff „kollektives Gedächtnis“ wäre ich vorsichtig. Sicher bezeichnet er etwas Wichtiges und Reales, man darf ihn aber nicht automatisch mit einem Ethnonym wie „die Russen“ in Verbindung bringen. Es gibt auch innerhalb Russlands sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Vergangenheit. Außerdem bin ich sehr skeptisch gegenüber Versuchen, das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg politisch zu mobilisieren. Wollen Sie tatsächlich die politische Zukunft eines Landes auf das Fundament einer Epoche stellen, in der viele Millionen Menschen auf brutalste Weise ihr Leben ließen? Was wäre die „rationale, nachhaltige Grundlage“ – ein Freund-Feind-Schema aus Kriegszeiten? Eine positive Einschätzung des politischen Systems in der Sowjetunion der 1940er Jahre? Man wird auch in Russland das Rad nicht neu erfinden können: Für gesellschaftlichen Wandel bedarf es starker, autonomer gesellschaftlicher Institutionen, von Stadtverwaltungen bis hin zu Gewerkschaften und Interessensvereinigungen. Solange es an einer solchen Autonomie fehlt, wird es immer wieder einzelne Innovationsherde und auch Protestwellen geben, aber kaum bewusst erkämpfte, nachhaltige Veränderungen.

Was ist aus Ihrer Sicht momentan das wichtigste und spannendste Thema, zu welchem man als Soziologe und Historiker in Russland forschen sollte?

Ein wichtiges Anliegen für SozialwissenschafterInnen aller Disziplinen sollte es sein, Russlands Gesellschaft als solche zu erforschen und sie nicht immer nur auf ihr Verhältnis zu den jeweiligen Machthabern hin zu befragen oder anhand von Umfragewerten zu analysieren.

Dann eröffnet sich sofort eine Fülle faszinierender Themen: geographische und soziale Mobilität, neue Geschlechterrollen, neue wirtschaftliche Verflechtungen mit nichteuropäischen Nachbarstaaten wie China.

Ich beschäftige mich derzeit mit der Geschichte und Gegenwart von Kriegsdenkmälern in der Sowjetunion und Russland. Dazu liest man bis heute oft, „der Kreml“ habe Denkmäler aufgestellt – als gäbe es keine Architekten, Bildhauer, Ingenieure, Offiziere, Armeeveteranen und Fabrikdirektoren mit jeweils eigenen Interessen und Rollen. Und so ist es mit sehr vielen Themen. Es ist wichtig, die Dominanz von Herangehensweisen aus dem 20. Jahrhundert zu brechen, die nur auf Politik oder Hochkultur fixiert sind und Russland immer nur mit Europa vergleichen. Man sollte auch mal über den Tellerrand schauen – nach Indonesien, Korea, Iran oder Argentinien. Dann steht Russland in vielerlei Hinsicht nicht mehr als ein exotischer und mysteriöser Einzelfall da.

Links zum Thema

Blog von Mischa Gabowitsch „Movements and Monuments“

Über Gesellschaften in Bewegung siehe auch Dirk Baecker „Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus?“