Sarah Reinke arbeitet als Referentin für Osteuropa und Russland bei der internationalen Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“. Seit 2008 ist sie verantwortlich für das Büro in Berlin. Sie führt Analysen der Menschenrechtslage durch und entwickelt politische Kampagnen und Projekte für die Region. Sie hat Osteuropäische Geschichte, Slawistik und Amerikanistik studiert.

Enttäuschung und Engagement

Ich bin mit dem politischen Hintergrund des kalten Krieges aufgewachsen. Die Bedrohungen durch Atomwaffen, die zunehmende Umweltzerstörung sowie die Fragen, wer in der damaligen Sowjetunion lebte und wie, haben mich genauso beschäftigt wie das Thema Nationalsozialismus oder auch Fragen der Ungerechtigkeit in der Dritten Welt. Ich sah das Fach Geschichte als eine Brücke zwischen der Slawistik und Amerikanistik, deswegen habe ich in Freiburg und Göttingen alle drei Fächer auf Magister studiert. Zwei Semester war ich in Kasan an der dortigen Universität, als Gasthörerin war ich einen Sommer lang an der Universität in Austin, USA.
Wie man einen Text liest, ihn versteht, Metatexte findet, wie man Beziehungen zur Entstehungszeit, zum Autor, zu Stilen herstellt – all das habe ich in dem Literaturstudium gelernt. In der Geschichte lag das Augenmerk darauf, historische Quellen zu finden, zu analysieren, einzuordnen. Dabei sieht jede Zeit eine historische Gegebenheit unterschiedlich, es kann also keine endgültigen Wahrheiten bei der Interpretation der Quellen geben. Besonders der Beginn des Studiums war eine einzige Enttäuschung.

Ich hatte erwartet, an den Unis würden die Diskussionen über die wirklich wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen in einer offenen und konstruktiven Atmosphäre geführt.

Doch was fand ich: Auswendiglernen, hohe Konkurrenz, Missgunst, keine Förderung der Wissbegierde der Studierenden, sondern Abwertung, Klüngel und viele für mich uninteressante Themen. Besonders umgetrieben haben mich die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, die zeitgleich zu meinem Studium geführt wurden. Wieso positionierte sich da die Slawistik und auch die osteuropäische Geschichte eigentlich nicht – oder nicht für mich erkennbar? Erst, nachdem ich dann Seminare und Vorlesungen jenseits meiner Fächer, nämlich in Philosophie, Soziologie, Theologie und Friedens-und Konfliktforschung besuchte, war ich zufriedener. So habe ich die Vorlesungen von Wolfgang Sofsky über Gewaltkonzepte in Göttingen unter dem Eindruck der Geschichte des Nationalsozialismus, der Bosnien-Kriege, der Verbrechen des Kolonialismus gehört. Bis heute denke ich an sie, wenn ich Berichte von Folteropfern höre oder mit Menschen spreche, die vor Gewalt und Krieg geflohen sind. Das damals erworbene Wissen hilft mir Informationen einzuordnen und der Frage nach den Ursachen von Gewalt nachzugehen. Auch die Beschäftigung mit Hannah Arendt war für mich wichtig. Ich habe versucht, ihre Erkenntnisse einerseits zu verstehen, andererseits auf Situationen in der Gegenwart anzuwenden. So war ich bei einer Amnesty International Gruppe an der Uni aktiv und habe an Veranstaltungen zu den Kriegen in Bosnien mitgewirkt.

Menschen und Bücher

Als Frau und Feministin habe ich mich sowohl in der Geschichte als auch in der Literaturwissenschaft mit Genderforschung auseinander gesetzt und tue das so gut es geht heute noch. Grundlegend dabei ist für mich Judith Butlers Buch „Gender Trouble“ und seine Rezeption in Deutschland. Ich lernte die sozialen Strukturen besser zu verstehen, die bis heute in vielen Gesellschaften, gerade auch solchen, mit denen ich zu tun habe, eher patriarchal sind. Daran musste ich wieder denken, als im letzten Jahr die „Janebojusskazat’“ Bewegung entstand und damit auch im postsowjetischen Raum die Frage nach den Ursachen von Gewalt gegen Frauen viel offensiver gestellt wurde als bislang.

Meine Abkehr von Sozial- und die Hinwendung zur Kulturgeschichte passierte durch Ute Daniel und war wichtig für mein Verständnis von kulturellen Prozessen.

Meiner Meinung nach ist es wichtig, die Verantwortung des Westens für das Leid in vielen anderen Teilen der Welt anzuerkennen – als Kolonialgeschichte, die sich bis heute durch zutiefst ungerechte Wirtschaftsbeziehungen fortsetzt. Daran zentral angeschlossen ist der kritische Umgang mit der Geschichte der Ethnologie. Damit setze ich mich auseinander, wenn ich, zum Beispiel, mit Vertretern indigener Völker das ethnologische Museum in Berlin besuche. Sie fordern, dass ihre Artefakte zurück gegeben werden. Wir diskutieren, welche – negativen – Auswirkungen die koloniale Vergangenheit auf ihr Dasein heute hat und wie unser westlicher Blick ihre und unsere Wahrnehmung bis heute prägt.

 Empathie und Lobbyarbeit

Bei der internationalen Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) bin ich seit langen Jahren die Referentin für Osteuropa und Russland und seit 2008 auch verantwortlich für das Büro in Berlin. Der Ansatz, sich weltweit für ethnische, sprachliche, religiöse Minderheiten und indigene Völker einzusetzen, hat mich gleich überzeugt und angezogen. Im Alltag habe ich immer viel mit Flüchtlingen zu tun, mit Anwälten, Journalisten, Repräsentanten der Minderheiten, für die wir uns einsetzen. Das können junge krimtatarische Frauen, Vertreter des Schoren aus dem Kuzbass oder aboriginal Australians sein sowie Menschenrechtsverteidigerinnen aus Russland, mutige Frauen, etwa aus Tschetschenien, die ich seit Jahren begleite. Ich versuche so viel wie möglich von meinem Wissen, meiner Erfahrung, meiner Persönlichkeit und Empathie in diese Kontakte zu geben. Und gleichzeitig wahrzunehmen, wie die Menschen reagieren, was sie brauchen, um eine gute Zusammenarbeit auf lange Sicht aufzubauen.
Schwierig sind im Gegensatz dazu die offiziellen Kontakte. Die weniger schönen Seiten der so genannten Lobbyarbeit. Das empfinde ich als zähe und oftmals schon von vornherein zum Misserfolg verurteilte Zeit. Und doch ist es wichtig, sich mit Politikern zu treffen, in Behörden für die Flüchtlinge vorzusprechen. Auch die Frage, wie es gelingt, für Themen jenseits der tagesaktuellen Schlagzeilen, Interesse in den Medien zu wecken, ist immer wieder herausfordernd.

Oftmals genügt es überhaupt nicht, mehr desselben zu tun, sondern man muss immer neue Wege finden, um ein Problem anzugehen.

Notwendig ist immer die Reflexion, das Infrage stellen dessen, was ich tue. Zum Beispiel habe ich vor etlichen Jahren angefangen, für meine Organisation einen Blog zu schreiben. Mittlerweile ist dieser ein fester Bestandteil unserer Öffentlichkeitsarbeit. Ich erlebe auch die Entwicklung der sozialen Medien in diesem Bereich: Meine Arbeit heute wäre ja ohne Facebook nicht mehr denkbar.

Opfer und Parteien

Schwer auszuhalten waren in den letzten Jahren die Anfeindungen wegen unseres eindeutigen Engagements für die demokratischen Kräfte in der Ukraine. Als Menschenrechtsorganisation ist man nicht neutral, man ergreift Partei, oftmals eben für die Opfer, für verfolgte Menschenrechtsverteidiger, für die Krimtataren und andere „pro-ukrainische“ Gruppen auf der Krim. Das wird in Deutschland nicht selten als „gegen Russland“ verstanden.

Wir haben einer Gruppe engagierter Ukrainerinnen und Ukrainer in Berlin im Winter 2014 während der Euromaidan-Proteste in Kiew den Vorschlag gemacht, eine alternative Botschaft für die Ukraine in Berlin einzurichten. Daraus entstand die „Euromaidan Wache Berlin“, aus der bis heute viele zivilgesellschaftliche Initiativen aktiv sind.

2016 hatte ich die tolle Gelegenheit an der berufsbegleitenden Weiterbildung, „Ukraine Calling“ teilzunehmen. Das hat mich sehr inspiriert. Es entstanden neue Kontakte, Ideen und Projekte. Zum Beispiel das Vorhaben, eine Menschenrechtsorganisation für alle Minderheiten in der Ukraine aufzubauen. Dazu sollen nun dieses Jahr die ersten Schritte folgen. Ich will herausfinden, was die Vertreter der ukrainischen Minderheiten wollen und brauchen, und wie ich sie zu ihren Zielen begleiten könnte.

Meine Sicht auf das Russland heute wurde von den Vorlesungen und Seminaren über die Geschichte des Stalinismus von Manfred Hildermeier durchaus geprägt. Das Wissen über den Stalinismus hat in mir eine große Empathie für die Nachkommen der damals deportieren Völker und anderer Opfergruppen hervorgerufen. Die dem System weitgehend ausgelieferte Zivilbevölkerung tendiert teils bis heute dazu die schwere Schuld vieler an den Verbrechen des Stalinismus zu ignorieren. Heute besuche ich zum Beispiel mit Nachkommen der deportierten Völker etwa das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und die Gedächtniskirche. Daran schließt sich die Überlegung der Aufarbeitung des Stalinismus an und meine Bewunderung für die Arbeit der Organisation „Memorial“.

 Komplexität und Orientierungslosigkeit

Ich bedaure, dass die Geisteswissenschaften keinen guten Ruf haben. Zentral finde ich, dass man sich über die Kommunikation der Forschung mit der Gesellschaft Gedanken macht.

Das kann allmählich das Image dieser Wissensgebiete verbessern. Oftmals ist es für die Geisteswissenschaftler nach Studienabschluss schwer, eine angemessene Arbeit zu finden. Menschen sitzen auf befristeten Projektstellen und die Strukturen an den Unis erschweren die Förderung des Nachwuchses. Die heutigen Studierenden befinden sich ebenfalls unter Druck, an das Uni-System angepasst zu sein, glatt mit guten Noten durchzukommen. Ich möchte den jungen Menschen Mut machen, Umwege zu gehen, Schleifen, mal zurück zu schauen – auch das können einem die Geisteswissenschaften beibringen. Sie machen neugierig darauf zu verstehen, wer wir so sind.

Gerade heute brauchen wir Personen, die unkonventionelle Ideen entwickeln, selbständig denken, Informationen analysieren, bewerten und erklären können. Wir brauchen Methoden zur Orientierung oder zumindest Gedanken dazu, wie wir mit Orientierungslosigkeit umgehen sollen. Wir brauchen auch Personen, die Verantwortung tragen wollen, um Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen zu erkennen, zu korrigieren und Alternativen zu durchdenken. Das fehlt meiner Meinung nach oftmals in der Politik und in den manchmal zu schnelllebigen Medien. Da könnte die Geisteswissenschaft eine viel größere Rolle spielen. Ich denke, dass gerade ein geisteswissenschaftliches Studium hilft sich in Komplexität und Überkomplexität zu orientieren.

Text: Saltanat Shoshanova
Lektorat: Olga Sokolova