Birgit Heller ist Professorin für Religionswissenshaft an der Universität Wien. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Sterben und Tod, Hinduistische Religionen und Gender-Fragen. HUMANPOINT erzählte Frau Heller, welche kulturelle Tendenz die Serie „Game of Thrones“ repräsentiert und wie Religionen mit dem Tod umgehen.

Der Roman des portugiesischen Nobelpreisträgers für Literatur Jose Saramago Death with Interruptions beginnt damit, dass Menschen plötzlich aufhören zu sterben und Religionen sofort in der Krise der eigenen Sinnlosigkeit geraten. Oft hört man die Meinung, dass die Angst vor dem Tod, die Notwendigkeit ihn zu konzeptualisieren und mit ihm umzugehen – die Quelle jeder Religion ist. Stimmt es? Gibt es in der modernen Religionswissenschaft ein Einverständnis in dieser Frage?

In der Religionswissenschaft gibt es keine einhellige Meinung, was den Ursprung von Religion betrifft. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist sicher ein mächtiger Impuls für das Entstehen von Religionen, das gilt bis heute – beobachtbar etwa, wenn Eltern ihre Kinder verlieren: Viele, für die Religion/Glaube bislang keine Bedeutung hatte, entwickeln dann verschiedene Formen von Religiosität/Spiritualität.

Als Sinngebungssysteme versuchen Religionen aber über die Herausforderung durch den Tod hinaus viel prinzipieller Antworten auf die Frage der Kontingenz, der Zufälligkeit von allem Sein zu geben, also das Leben insgesamt mit Bedeutung zu füllen.

Religionen beziehen sich nie nur auf den Tod, es gibt sogar Religionen – wie etwa die Religion Altisraels, die den Tod kaum thematisieren und das Judentum ist bis heute eine Religion des Lebens geblieben: Das Bekenntnis zur Güte und zum Wert des irdischen Lebens ist zentral, nicht der Tod.

Mithilfe moderner Medien sehen wir heute viel mehr Tod, als früher. In erster Linie – gewaltsamen Tod. Das Beispiel von „Game of Thrones“ ist hier vielleicht ein aussagekräftiges. Was fasziniert uns dermaßen, in der Beobachtung des Todes?

In der Moderne ist der Umgang mit dem Tod ambivalent: Einerseits wurde der Tod in die Hinterzimmer der Institutionen verdrängt (der reale Tod wurde tabuisiert), andererseits ist der gewaltsame Tod alltäglich präsent in den Medien, den vielen Krimis und Spielen. Der deutsche Soziologe Reimer Gronemeyer drückt das so aus, dass der durchschnittliche 15jährige heute virtuell tausende von Leichen gesehen hat, aber beim Tod der eigenen Großmutter im Pflegeheim nicht dabei war. Dazu passt der makabre Witz, dass die Mutter ihrem Sohn vorsichtig beibringen will, dass die Oma gestorben ist und dieser bestürzt fragt: „Wer hat sie umgebracht?“ Die meisten Menschen macht der reale Tod heute hilflos. Sie wissen nicht mehr, wie sie mit dem Leichnam eines Angehörigen umgehen sollen. In den seltenen Fällen, wo jemand zuhause stirbt, lässt man den Leichnam möglichst rasch entfernen. Der hartnäckige Mythos vom ansteckenden Leichengift trägt nicht unwesentlich zur verbreiteten Entsorgungsmentalität bei. Wahrscheinlich ist die sterile Beobachtung des Todes in den Medien die Kehrseite der Verdrängung.

Ist etwa die einbalsamierte Leiche Lenins im Moskauer Mausoleum – eine Erscheinung aus derselben Reihe?

Dieses Phänomen sehe ich eher im Zusammenhang mit der in etlichen Religionen verbreiteten Praxis des Reliquienkults. Lenin wäre dementsprechend so etwas wie ein säkularer Heiliger. Unter etwas anderen Vorzeichen gilt das auch für die englische Lady Di, „die Prinzessin der Herzen“, deren Grab zu einer Kultstätte geworden ist.

Wie unterscheidet sich prinzipiell der gewaltsame Tod von dem natürlichen in den Interpretationen unterschiedlicher Religionen? Ist ein gewaltsamer Tod – etwas qualitativ anderes? Gibt es einen Begriff des „natürlichen Todes“ in den Religionen?

Als „natürlich“ gilt der Tod in den wenigsten Religionen und zwar in dem Sinn, dass er einfach (immer schon) Teil des Lebens ist. In vielen Mythen gab es am Anfang der Welt keinen Tod, d.h. der Tod wurde erst  später erschaffen und zwar beispielsweise als Folge eines Betrugs, eines dummen Versehens, einer Fehlentscheidung, als Strafe für falsches Verhalten oder als Überlastung der Erde (weil niemand stirbt und immer mehr Menschen dazukommen) bzw. positiv formuliert als Preis für die Generativität, die Fähigkeit Kinder in die Welt zu setzen.

Daneben wird wohl in den meisten Religionen zwischen einem guten und einem schlechten Tod unterschieden. Der gute Tod korreliert meist mit hohem Alter, oft mit einem besonders günstigen Sterbeort (etwa ein heiliger Ort, der sich positiv auf das Schicksal nach dem Tod auswirkt), günstigen Umständen (etwa friedvoll, vorbereitet, bei klarem Bewusstsein) und vor allem mit den spezifischen Sterbe- und Totenriten. Ein schlechter Tod findet hingegen zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort, unter negativen Umständen (Unfall, Gewalt) und ohne die entsprechenden Riten statt.

Wahrscheinlich eine der brisantesten Fragen heute ist die Frage nach Euthanasie: Darf man sich selbst erlauben zu sterben? Jemanden bitten, sich „einzuschläfern“? Sich selbst zu schaden? Wie soll man das aus dem moralischen Blickwinkel sehen? Sagen Sie, bitte, verfügen Religionen (bis heute bzw. erneut) über eine genügende Autorität, um in den Situationen, wo eine moralische Einschätzung nötig ist, gehört zu werden? Kann diese Stimme progressiv sein?

Es gibt keine einheitliche Einstellung der Religionen zur Euthanasie. Selbst innerhalb einer Religion werden sehr verschiedene Positionen vertreten. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den Religionen lautet: Leben bewahren und Sterben zulassen. Das heißt das Leben gilt als wertvoll und muss geschützt werden, aber gilt nicht als Selbstzweck. Der Mensch ist abhängig, in größere Zusammenhänge eingeordnet, das irdische Leben ist nicht das höchste Gut. Allerdings sind religiöse Befürwortungen zur aktiven (selbstverständlich ausschließlich freiwilligen) Euthanasie kaum zu finden. Es gibt Diskussionen darüber im Reformjudentum, in hinduistischen Traditionen und in der modernen christlichen Theologie (nicht im kirchlichen Lehramt!). Überwiegend geht es in den Diskussionen aber um Formen der sogenannten passiven Euthanasie, also um Behandlungsverzicht und Behandlungsabbruch.

In den modernen Gesellschaften sind diese Formen mittlerweile zwar legal, also autonomes Recht eines Menschen, aber es stellt sich zunehmend die Frage, ob der Wert der Autonomie nicht korrekturbedürftig ist.

Menschen leben in Beziehungen, sie sind aufeinander angewiesen, von ihren Handlungen wechselseitig betroffen, das gilt auch für den Fall einer schweren Erkrankung und Entscheidungen rund um das Sterben. Ich denke eine isolierte religiöse Stimme wird heute nicht genügend ernst genommen, aber interreligöse/spirituelle Perspektiven könnten durchaus Gehör finden und einseitige gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar machen, wenn sie engagiert, reflektiert und ohne ideologische Verengungen vorgebacht werden.

Moderne Medizin kann man als eine Art Reparaturindustrie verstehen, die den Körper als einen Mechanismus sieht, der zugunsten der Gesellschaft optimiert werden muss. Es scheint, dass die Interaktion mit dem toten Körper, welche religiöse Rituale reguliert hatten, nutzlos geworden ist. Stimmt das?

Die moderne naturwissenschaftliche Medizin ist eigentlich dazu angetreten den Tod zu besiegen. Daher ist es mehr als einleuchtend, dass sterbende Menschen bis vor kurzer Zeit nicht nur nicht im Blick der Medizin waren, sondern eigentlich ein lebendiges Symbol der Niederlage repräsentiert haben. Durch die Bemühungen der Hospizbewegung und des Etablierens von Palliative Care (Palliativmedizin ist ein Teil der interdisziplinären Sorge um schwerkranke, sterbenden Menschen und ihre Angehörigen) hat sich hier in jüngster Zeit viel geändert. Allerdings ist die Idee der medizin-technischen Überwindung der Sterblichkeit immer noch verbreitet: Etwa in Form der Kryonik (Menschen lassen sich unmittelbar nach ihrem Tod tieffrieren, in der Hoffnung auf den technischen Fortschritt) oder des Clonens.

Wie verändern bzw. werden Technologien und die Entwicklung der Medizin die Wahrnehmung vom Sterben und Tod verändern? Z.B. wie wird die Grenze zwischen dem Toten und dem Lebenden sich dank künstlicher Körperteile verändern?

Die Grenze zwischen Leben und Tod ist prinzipiell undeutlich. Genauso wie es verschiedene Vorstellungen über den Beginn des Lebens gibt, gibt es verschiedene Vorstellungen über das Ende des Lebens. Spätestens seit dem Hirntodkriterium, ist es auch medizinisch nicht mehr klar, wann ein Mensch nun eigentlich tot ist: In den religiösen Traditionen ist ohnehin überwiegend die Auffassung verbreitet, dass ein Mensch tot ist, wenn die Seele den Körper verlassen hat. Und das dauert unterschiedlich lange – Stunden, Tage oder sogar ein Jahr und darüber hinaus.

Das heißt, dass sich alte Themen durch neue Technologien nur verschärfen: Vielleicht spitzt sich das nun zu auf die Frage, ob man alles am Menschen austauschen kann – außer dem Gehirn – ohne Identitätsverlust?

Wie kann die Entwicklung der medizinischen Technik und der sedativen Mittel die dominierende Wahrnehmung des „guten Todes“ nach Kübler-Ross verändern?

Ich denke den guten Tod gibt es nicht. Für das gute Sterben, den guten Tod gibt es kein Schema. Es gibt zwar in mancher Hinsicht Gemeinsamkeit zwischen den religiös-kulturellen Traditionen, aber auch viele spezifische Unterschiede. Wenn man dazu bedenkt, dass einzelne Menschen nie nur Spiegelbilder einer Kultur sind und sich religiöse Traditionen in verschiedener Weise aneignen, wird schnell deutlich, dass es den guten Tod schlechthin nicht geben kann. Die immer stärker werdenden Individualisierungstendenzen in der Moderne finden ein Pendant in dem oft zitierten Satz von Rainer Maria Rilke: „Herr, gib jedem seinen eigenen Tod.“ Vielleicht ist das ein kleinster gemeinsamer Nenner für viele Menschen heute: der Tod ist ein guter Tod, wenn er authentisch ist. Was allerdings ganz klar ist, ist, dass die jüngere Entwicklung einer palliativen Sedierung letztlich eine Form darstellt, sich den Tod vom Leib zu halten.

Kaum findet sich heute jemand, die oder der die These über das allmähliche Verschwinden der Religion unterstützt. Kann das sein, dass die religiösen Konzepte mit den medizinischen mechanistischen konkurrieren werden? Ist es berechtigt zu erwarten, dass die Körperwahrnehmung und dementsprechend die Wahrnehmung dessen Sterbens, sich von der mechanistischen entfernt?

Mit dem modernen Säkularisierungsprozess geht durchaus ein Schwund traditioneller religiöser Bindungen einher. Allerdings ist diese Entwicklung nicht global verbreitet, sondern  ein typisch europäisches Phänomen. Aber auch in Europa ist dieser Schwund traditioneller religiöser Bindung nicht mit dem Verschwinden von Religion gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil: Es sind verschiedene Facetten moderner/postmoderner Spiritualität entstanden, die sich auch nicht wie anfangs diagnostiziert rein im privaten Raum abspielt, sondern eine Fülle neuer Organisationsformen gefunden hat.

Die medizinisch-mechanistische Wahrnehmung des Sterbens wird nicht nur im Rahmen religiöser Konzepte als Reduktion betrachtet.

Das einseitige mechanistische Menschenbild, das die moderne naturwissenschaftliche Medizin geprägt hat, wird von Seiten alternativmedizinischer, gesundheitswissenschaftlicher, aber auch pflegewissenschaftlicher Ansätze radikal in Frage gestellt.

Ist ein ethisches Monopol in den Fragen des Sterbens möglich? Falls ja, wer wird dieses besitzen?

Nachdem Diversität ein wichtiges Merkmal der Moderne ist, sollte ein ethisches Monopol in den Fragen des Sterbens undenkbar sein. Da die Moderne allerdings ein ambivalentes Janusgesicht trägt, sind auch Kontrolle und Effizienz mindestens ebenso wichtige Kennzeichen. Es ist noch nicht absehbar, welche Tendenzen sich in Zukunft stärker durchsetzen werden.

Neulich habe ich festgestellt, dass selbst Dalai Lama die religiösen Rituale nicht besonders hoch schätzt. Aber historisch gesehen, haben sie sich eher als nützlich erwiesen – sie haben ja lange Zeit überdauert. Wie hilft das Ritual Tod und Sterben zu bewältigen? Haben die Europäer in diesem Sinne in der letzten Zeit etwas Neues erfunden? Neue säkulare Rituale, die vor kurzem entstanden sind?

Rituale sind prinzipiell Bewältigungsstrategien. Allerdings setzten sie einen gemeinsamen tragfähigen Boden derer voraus, die ein Ritual vollziehen. Das ist heute oft nicht mehr gegeben. Zudem können Rituale natürlich auch instrumentalisiert werden, etwa wenn Gesellschaften ein Interesse daran haben, dass ihre Mitglieder nach einem Todesfall möglichst rasch wieder funktionsfähig sind und daher die Zeit für die Trauer stark regulieren und befristen. Es gibt derzeit nicht nur Versuche traditionelle Rituale neu zu beleben, sondern auch neue Rituale zu schaffen, obwohl sich auch diese neuen Rituale meist an alten Grundmustern orientieren, die Kreativität ist eigentlich doch begrenzt. Das zeigt sich auch an der Verwendung von jeweils ganz individuellen Musikstücken für die Bestattungszeremonie – zumindest ist das die Ausgangsbasis, allerdings zeigen dann die entsprechenden Hitlisten im die Grenzen der Individualität (so ähnlich wie bei der Wahl der Vornamen für neugeborene Kinder).

Während der Tod an sich nicht wirklich tabuiert ist (zumindest in den Medien), ist die private Trauer in der Öffentlichkeit kaum sichtbar. Wie wird heute beweint und betrauert in den europäischen Städten? Ist der Laieneindruck richtig und die Demonstration der Trauer ist ein Tabu? Oder ist es genau so zulässig, wie die Demonstration der sexuellen Orientierung oder des Queer-Gender?

Es gibt einerseits Aufsehen erregende mediale Inszenierungen von Trauer, etwa wenn es sich um populäre Verstorbene handelt oder um die Opfer dramatischer Unfälle. Die „Durchschnittstrauer“ ist allerdings völlig privatisiert. Die betroffenen Menschen lassen sich wenig bis gar nichts anmerken und verlagern, wenn nötig, ihre Trauer in die professionelle psychologische Trauerbegleitung und/oder  in Selbsthilfegruppen.

Wenn man in dieser Hinsicht das heutige Österreich mit Indien – was ein weiteres Spezialgebiet von Ihnen ist – vergleicht, welche drei Unterschiede, was die Wahrnehmung von Tod, Sterben und Trauer angeht, kann man nennen?

Zuerst muss man feststellen, dass im modernen Indien vieles im Wandel ist. Beispielsweise werden in den modernen indischen Städten immer mehr Verstorbene in Krematorien verbrannt. Für die traditionellen Totenriten, die natürlich für die meisten immer noch einen hohen Stellenwert haben, gilt allerdings, dass der Tod sinnlich erfahrbar ist. Das ist der wohl größte Unterschied zu modernen westlichen Gesellschaften. Im traditionellen Indien affiziert der Tod die Sinne unmittelbar: Es wird kein Sarg verwendet, die (männlichen) Angehörigen sehen, wie der Leichnam verbrennt, der Rauch brennt in den Augen und steigt mit dem Geruch in die Nase. Ein auffälliger weiterer Unterschied, der nun allerdings auch nicht mehr absolut ist: Es gibt kein Grab, keine Grabpflege. Interessanterweise relativiert sich dieser Unterschied zusehends, weil in Indien durch den Mangel und die hohen Kosten von Brennholz immer mehr begraben wird und in westlichen Gesellschaften die Einäscherungspraxis zunimmt, teilweise verknüpft mit anonymer Bestattung oder überhaupt mit dem Verstreuen der Asche. Letzteres hat natürlich auch etwas mit Kosten zu tun, aber auch mit modernen Lebensformen (hohe Mobilität, Zunahme von Singel-Haushalten und Kinderlosigkeit und daher keine Grabpflege durch die Familie mehr). Ein driter Unterschied ist, dass der Glaube an die Wiedergeburt, der in hinduistischen Traditionen verbreitet ist, dem einzelnen Leben seine eminente Bedeutung nimmt. Aus hinduistischer Perspektive sind westliche Gesellschaften von einer „Eintagsfliegen-Mentalität“ geprägt. Aber auch hier gilt, dass die Dinge im Fluss sind.

Umfragen zufolge glaubt mittlerweile jede(r) vierte in Europa an die Wiedergeburt (auch wenn sich dieser Glaube stark von der traditionellen hinduistischen Vorstellung unterscheidet)….

Europa ist heute ein interkultureller Raum, genauso wie auch Russland. Ist die Konfrontation der kulturellen und religiösen Gemeinschaften mit den konkurrierenden Strategien des Umgangs mit dem Tod und Trauer möglich? Gibt es Beispiele für so etwas? Und wenn ja, wie lassen sich solche Konflikte lösen?

Migration ist ja kein ganz neues Phänomen. Beispielsweise leben in England schon seit längerer Zeit viele Hindus. Es gibt viele Beispiele dafür, wie schwierig es für diese Menschen ist, den traditionellen Umgang mit Tod und Trauer nicht praktizieren zu können. Im Lauf der Zeit ist die kulturelle Sensibilität zwar gestiegen, aber der Wunsch, den Leichnam binnen 24 Stunden zu verbrennen lässt sich nicht mit der Verwaltungslogik moderner Institutionen vereinbaren.

Und an der Themse wird es auch in Zukunft keine Leichenverbrennungsstätten geben.

Oder nehmen wir Deutschland: Jahrzehnte lang haben sich Muslime, die in Deutschland verstorben sind, zur Bestattung in ihre Heimatländer bringen lassen. Mittlerweile gibt es eigene muslimische Friedhöfe mit ewigem Ruherecht und in manchen Bundesländern wurde das Friedhofsrecht verändert, sodass – wie es die muslimische Tradition vorsieht – ohne Sarg bestattet werden darf. Allerdings hat sich herausgestellt, dass nun die Nachfrage nach dieser traditionellen Bestattungsart gar nicht mehr so groß ist. Das heißt: Es gibt einerseits die Bereitschaft zu interkultureller Toleranz und andererseits finden in der Migration Adaptionsprozesse statt, die jedoch manchmal erst nach einer Generation wirklich spürbar sind.

Menschen leben immer länger und immer weniger Kinder werden geboren – es ist sehr wahrscheinlich, dass das weitere Anwachsen der Bevölkerung in Europa durch Migration erfolgen wird. Das System der palliativen Versorgung am Ende des Lebens muss sich also an den neuen Kontext anpassen. Aus der Sicht von Elisabeth Kübler-Ross ist ein guter Tod bekanntlich – ein bewusster und akzeptierter, ein Sterben ohne den Widerstand dem natürlichen Fluss der Dinge. Im Berliner Forschungsprojekt PALQUALSUM untersucht man, zum Beispiel, die Bewältigungsstrategien russischsprachiger Migranten. Man sieht, dass für viele Fälle eben das Kämpfen  und die weniger „offene“ Akzeptanz des Sterbens zur Bewältigungsstrategie wird. Somit ergibt sich das Verständnis von Kübler-Ross als repressiv. Bei anderen Migrantengruppen gibt es eventuell eigene Besonderheiten und Bedürfnisse. Von dem Personal der Hospize und der Krankenhäuser wird dementsprechend eine Fülle an „soft skills“ wie interkulturelle Kompetenz erwartet, um adäquaten Zugang zu den Sterbenden zu ermöglichen. Wie ist es aus Ihrer Sicht möglich, ein gutes „interkulturelles Sterben“ zu realisieren? Geht es allein durch die Bemühungen der Menschen, die in dem palliativen System bereits heute arbeiten?

Das System der palliativen Versorgung hat sich zumindest teilweise bereits dem neuen Kontext angepasst. Elisabeth Kübler-Ross hat sich als Pionierin der Hospizbewegung viele Verdienste erworben. Sie selbst hat (sinngemäß) gesagt, dass sie den Tod aus den Abstellkammern der Institutionen herausgeholt hat. Aber natürlich gibt es auch Einseitigkeiten in ihrem Denken, teilweise wird sie dafür härter kritisiert als vielleicht nötig wäre. Bemühungen um Interkulturalität gehören heute zum Standard von Palliative Care. Allerdings gibt es auch heute noch problematische Idealbildungen zum guten Tod, die sich nicht nur für Sterbende aus verschiedenen Kulturen und Religionen, sondern auch für Sterbende innerhalb einer Kultur sehr negativ auswirken können. Sie normieren das Lebensende, können zu Leistungsdruck oder auch zur Verharmlosung von Verzweiflung führen. Ein gutes interkulturelles Sterben lässt sich nur gemeinsam realisieren: Professionelle, Ehrenamtliche und zuallererst die Betroffenen selbst sind hier gefordert. Was Sie über das Kämpfen russischsprachiger Migranten angesichts des Sterbens sagen, ist typisch für jüdisches Sterben. Moses ist in den rabbinischen Schriften ein Paradigma für den Widerstand gegen den Tod, er tritt ja in einen Rechtsstreit mit Gott, als der Todesengel ihm die Nachricht bringt, dass er sterben muss. Da er das Ziel seines Lebens noch nicht erreicht hat (er hat das gelobte Land noch nicht betreten), erscheint es ihm gänzlich ungerecht und unmöglich zu diesem Zeitpunkt zu sterben. Und so wie Mose geht es vielen Menschen, nicht nur Juden und Jüdinnen.

Können konfessionelle sowie nicht konfessionelle Seelsorger bei der Realisierung dieses Vorhabens – gutes Sterben für alle, unter Berücksichtigung des Backgrounds – behilflich sein?

Ja, natürlich sind sowohl Formen traditioneller Sterbebegleitung als auch moderne Formen, die heute gerne unter dem Stichwort „Spiritual Care“ gebündelt werden, hilfreich. Allerdings gibt es keine Monopole in dieser Hinsicht. Alle Berufsgruppen, die mit schwer kranken, sterbenden Menschen und ihren Angehörigen zu tun haben, können in der spirituellen Begleitung, die für ein gutes Sterben mindestens so wichtig ist wie eine adäquate Schmerztherapie, eine Rolle spielen. Allerdings sind es in erster Linie die Betroffenen selbst, die die Verantwortung für ihr Sterben haben, sowie die Familie, die Freunde und Freundinnen, die Menschen, die sie nicht erst im Sterben, sondern bereits davor begleitet haben. Wenn professionelle Begleitung nötig oder gewünscht ist, dann darf sie eigentlich nicht vom Sockel des Experten aus geschehen, weil Sterben keine Krankheit ist, die nur einige von uns treffen würde. Wir sitzen alle im selben Boot und sind letztlich alle Betroffene.

Links zum Thema

Univ.-Prof. Dr. Birgit Heller, Menschenwürde in interreligiöser Perspektive