Das Wort “wissenschaftlich” wird häufig mit Laboratorien von Chemikern oder mit mathematischen Formeln assoziiert. Aber was ist, wenn keine Moleküle und Stoffe erforscht werden, sondern Menschen, Menschengruppen und die Produkte menschlicher Tätigkeit? Auch in diesem Fall ist es gerechtfertigt, von einer wissenschaftlichen Erkenntnis zu sprechen.

Es sind Sozial- und Geisteswissenschaften, die menschliches Verhalten und Interaktion in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Kontexten untersuchen. Aus historischer (z. B. Geschichte) und theoretischer Sicht (z.B. Philosophie), aus individueller (z. B. Anthropologie, Literaturwissenschaft) und globaler Perspektive (z.B. Politikwissenschaft).

Am Ursprung jeder sozial- oder geisteswissenschaftlichen Aussage steht eine offene Frage über die kulturelle oder gesellschaftliche Realität.

Die Vertreter unterschiedlicher wissenschaftlicher Schulen bemühen sich, diese zu beantworten; unternehmen Versuche, die bisher nicht erfasste und unbeschriebene soziale Realität zu beschreiben und zu erklären. Aus dem Zusammentreffen der Aussagen unterschiedlicher Schulen über einen Gegenstand resultiert eine wissenschaftliche Debatte.

Wie können diese offenen Fragen aussehen? Und was nützt die Annäherung an eine Antwort? Zum Beispiel analysiert ein Soziologe die Beziehung zwischen zwei Ethnien (Nationen), um mögliche Konfliktursachen zwischen diesen festzustellen und somit der Konfliktvorbeugung beizutragen. Eine Medienwissenschaftlerin erforscht den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Aggressivität bei Jugendlichen und setzt sich dabei mit Fernsehinhalten auseinander.  Anhand von ihren Ergebnissen kann man z. B. Journalisten weiterbilden.

Flasks with liquids
Das assoziiert man normalerweise mit dem Adjektiv „wissenschaftlich“

Jede qualitativ hochwertige (sozial- oder geistes-) wissenschaftliche Aussage ist logisch nachvollziehbar und bezieht sich auf bisherige Studien. “Wissenschaftlich” heißt, vorhandene und neue Erkenntnisse miteinander zu verbinden und eine argumentativ fundierte Erklärung einer gesellschaftlichen oder kulturellen Erscheinung anzubieten. Den anderen Wissenschaftlern muss also eine Möglichkeit gegeben werden, die Ergebnisse und Schlüsse nachzuprüfen. Deswegen versieht man wissenschaftliche Texte mit Verweisen auf die Arbeit von Kollegen, die an dem Thema bereits gearbeitet haben.

Als Wissenschaftler beschreibt man auch die eigene methodische Vorgehensweise und Einschränkungen, die die gewählte Methode mit sich bringt.

Genau deswegen fürchten wahre Wissenschaftler jede Verallgemeinerung, was nach außen manchmal als ein Entziehen der “eigentlichen” Aussage aussehen kann!

Dabei ist jede Gesellschaft und jede Kultur im Gegensatz zu Neutronen und Molekülen einzigartig und verändert sich ständig über Zeit und Raum. Die ständige Veränderung in Worte zu fassen, somit eine gesellschaftliche Diskussion und politisches Handeln zu ermöglichen, ist eine der wichtigen Aufgaben der Sozial- und Geisteswissenschaften.