Mirko Drotschmann ist freier Journalist, Produzent und Gründer der Produktionsfirma „Objektiv Media“. Er moderiert das Geschichtsmagazin MDR Zeitreise im MDR Fernsehen und die Kindersendung „Logo“ im ZDF. Man kennt ihn auch als „MrWissen2go“ mit seinem populären YouTube-Kanal, auf dem er sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigt.

 Berufswahl und erste Schritte

Ich wusste ziemlich früh, schon während meiner Schulzeit, dass ich Journalist werden möchte. Deswegen war ich zum Beispiel Chefredakteur der Schülerzeitung. Mein Abitur-Praktikum beim Radio Westrundfunk hat mir viel Spaß gemacht und danach durfte ich dort weiterarbeiten. Damals wollte ich mich auch als Moderator im Fernsehen probieren. Ein Moderator sollte auch ein guter Journalist sein, deswegen war es für mich wichtig, nicht nur durch das Volontariat, sondern auch durch das Studium eine Grundlage zu schaffen. Als Hauptfach meines Studiums habe ich Geschichte gewählt, weil Geschichte mich schon seit der Schulzeit sehr interessiert hat. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), damals noch Universität Karlsruhe, hatte einen sehr kleinen Kreis an Studierenden, deswegen hatten wir einen engen Kontakt zu den Dozenten. Man konnte sich für Hausarbeiten schöne Themen aussuchen um seine eigenen Interessen wieterzuverfolgen. Meine Schwerpunkte waren neuere und neueste Geschichte sowie Technikgeschichte.

Das Studium gab mir einige Zeit um mich inhaltlich intensiv mit den Themen auseinanderzusetzen, was im schnellen journalistischen Geschäft nicht immer möglich ist.

Als Nebenfach habe ich mich für Kulturwissenschaft entschieden, weil ich die breite Mischung des Themenspektrums in diesem Fach richtig spannend fand. Unter Anderem hatten wir Mediengeschichte, Eventmanagement und interkulturelle Kommunikation. Gleichzeitig hat mein Studium mir auch etwas Praktisches gebracht, zum Beispiel, wie man mit Quellen und Zeitzeugen umgeht, oder wie man die Themen und Techniken der Interkulturellen Kommunikation benutzt.  Dieses Wissen hilft mir in meiner journalistischen Arbeit immer weiter.

Ego und Sendungsbewusstsein

Wenn man Interesse daran hat, Leuten wichtige Themen näher zu bringen und Unklarheiten zu erklären, sollte man meiner Meinung nach Journalismus wählen und dann auch in diesem Beruf bleiben.  Dies sollte der eigentliche Antrieb sein und nicht etwa Ruhm, Ego und Geld. Der Wunsch, berühmt zu werden und vor der Kamera zu stehen ist dabei ein falscher Ansatz.

Eine Art Sendungsbewusstsein in Bezug auf Fernsehen oder Radio ist auch wichtig. Als Journalist sollte man neugierig sein, mit offenen Augen durch die Welt gehen und gute Themen finden.

Als Journalist sollte man nicht aufhören Fragen zu stellen: nicht nur Fragen an Personen, sondern Fragen an die Welt. Dazu gehört sicherlich auch eine gewisse Begeisterungsfähigkeit für ganz verschiedenen Themen.

Man darf keine Scheu haben, mit Menschen zu sprechen und unter Menschen zu sein. Ich sprach mit so vielen Leuten und war an so vielen Orten, an die man sonst nicht kommt! Ich hatte so viele spannende Erlebnisse, die ich nicht alle aufzählen kann. Dazu gehören nicht nur glückliche, sondern auch traurige Anlässe, wie Terroranschläge. Die beschäftigten mich menschlich sehr und in einer gewissen Form lassen sie mich bis heute nicht los.

Es ist nicht so, dass man unbedingt Politik oder Geschichte studieren muss, um Journalist zu werden. Man kann mit Jura oder Biologie in den Journalismus einsteigen. Es ist allerdings wichtig, eine theoretische Grundlage zu haben. Der geschichtliche Hintergrund erleichtert mir meine Arbeit enorm.  Zum Beispiel als Moderator des Geschichtsmagazins MDR Zeitreise muss ich nicht immer alles nachlesen und bei „A“ anfangen. Es geht nicht nur um spezifische Theorien wie Gesellschaftstheorien oder Wirtschaftstheorien, sondern um die ganz klassische Chronologie — ‘Wann war was“. Wann waren die Französische Revolution, der 30-jährige Krieg, der 1. Weltkrieg und so weiter – das alles im Hinterkopf zu haben. Die Zeit und Stimmung der Epoche an sich zu kennen, kann bei der journalistischen Arbeit und in den anderen Bereichen sehr hilfreich sein.

Geisteswissenschaften und Praxis

 Während meines Studiums habe ich immer wieder gemerkt, dass es doch ein bisschen fern von der „objektiven“ Realität ist. Man wurschtelt oft in seinem Elfenbeinturm vor sich hin. Natürlich kommt es vermutlich auch auf das Studium und Umfeld an. Es ist schwierig über Sozial- und Geisteswissenschaften als Ganzes zu sprechen, weil sie in viele Themenbereichen und Spektren untergliedert sind.  Trotzdem sollten sie noch mehr auf die Fähigkeit ausgerichtet sein, mit dem Erlernten einem konkreten Beruf nachzugehen. Ganz viele Menschen finden Geisteswissenschaften spannend und könnten sich vorstellen z.B. Geschichte zu studieren, aber gleichzeitig zweifeln sie an sich.

Sie fragen mich oft über meinen YouTube-Kanal: „Was soll ich dann Beruflich machen?

Ich rate Ihnen zu studieren, wenn sie schon eine Ideen darüber haben, was sie danach machen wollen. Natürlich kann man in die Forschung oder in die Lehre gehen. Man kann in der Bibliothek arbeiten. Dennoch sind das Tätigkeiten, die die Wenigsten machen möchten.

Ich rate, während des Studiums schon praktische Erfahrung zu sammeln, um nicht in der Theorie gefangen zu sein und danach unbedarft dastehen zu bleiben. Dem Bezug zur Praxis sollte auf jeden Fall im Studium mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dann werden Sozial- und Geisteswissenschaften künftig weiterhin eine größere Rolle spielen,  da sie nämlich die Grundlagen und Theorien für das Funktionieren unserer Gesellschaft bilden und diese von Generation zu Generation weitervermitteln.

Revolutionen und „Psychologie der Massen“ von Gustav Le Bon

 Ein Buch, das ich im Laufe des Studiums einerseits erschreckend und einerseits beeindruckend fand, war das Standardwerk „Psychologie der Massen“ von Gustave le Bon. Erschreckend, weil es eines der Bücher war, die Joseph Göbels im Schrank stehend hatte. Beeindruckend, weil das Buch von enormer Bedeutung ist, zum Beispiel für Marketing und Werbewirtschaft. Natürlich liest man heute „Psychologie der Massen“ mit Rücksicht auf den Kontext der damaligen Zeit, das 19. Jahrhundert. Trotzdem ist einiges noch heute aktuell.

Im Laufe des Studiums haben wir uns intensiv mit der Arbeiterbewegung, mit der Idee des Kommunismus und mit gesellschaftlichen Utopien beschäftigt.

Ich fand es sehr mitreißend zu sehen, wie Leute vor 100-150 Jahren für Ihre Rechte, für die Ideen von Freiheit und Einigkeit gekämpft haben.

Es ist sehr beeindruckend zu lesen, wie unsere Vorfahren zum Teil ihr Leben riskiert haben, um einen einheitlichen deutschen Nationalstaat zu schaffen. Solche Episoden gab und gibt es in der Geschichte immer wieder. Deswegen finde ich das Engagement sehr lohnenswert. Natürlich muss es jetzt nicht mit der Hingabe sein, wie es damals in 1848 war. Man muss nicht gleich eine Revolution anzetteln wollen, sondern einfach die Welt und seine Umgebung besser machen und sich dafür einsetzen möchten.

 

Text: Saltanat Shoshanova
Redaktion: Olga Sokolova
Foto: Moritz Leick

Lektorat: Ariane Häger