Warum Öffentlichkeitsarbeit im Namen der Sozial- und Geisteswissenschaften betreiben?

Europakrise, Terrorgefahr, Rechte Gefahr, Flüchtlingskrise, Genderfragen – die Ratlosigkeit, mit der man manchmal die Nachrichten liest, kennt heute jeder. Nein, die Welt ist nicht plötzlich komplexer geworden, doch ihre Komplexität ist heute deutlich sichtbarer als zuvor. Brauchen wir nicht dringend Wissen, das die Richtigkeit  aller gewöhnlichen Schemata hinterfragt? Wissen, das für die Vielfalt sensibilisiert und uns Menschen erklärt?

Wussten Sie schon, dass der Großteil der islamischen Extremisten der letzten 30 Jahren studierte Ingenieure sind?  Menschen, die darin geschult sind, eine richtige Lösung für ein dargestelltes Problem zu finden. Geisteswissenschaftler sind darunter hingegen sehr selten: 2,9% gegen die von den Forschern prognostizierten 14,9%.[1] Humanwissenschaften haben mit dem Frieden und der Sicherheit in der Welt direkt zu tun. Davon sind wir überzeugt.

Wohin soll es gehen mit der ganzen Technik, die wir haben? (Und die ist toll, übrigens, die ermöglicht auch diese Seite) Es sind Sozial- und Geisteswissenschaften, die gesellschaftliche Ziele setzen, Sprache erfinden und die Palette des Sinns immer wieder erneuern, aus welcher dann jeder eine für sich passende Farbe auswählen kann. Somit verändern sie die Welt.

Alexander Etkind, ein Historiker, der die größte Förderung in der Geschichte der Cambridge University für ein geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt gewonnen hat, führte vor kurzem das folgende Beispiel an: „Davon, wie was heißt, hängt in der kritischen Situation der heutigen Welt – das haben wir vielmals beobachtet – die Bewegung von tausenden von Menschen und Milliarden von Dollar ab. Während des Russisch-Ukrainischen Konflikts haben wir gesehen, wie das Militär große Territorien eroberte, Disziplin und Loyalität zeigte und gleichzeitig seine Zugehörigkeit zu jeglicher Armee oder Nation verneinte. Westliche Beobachter haben lange nach Worten dafür gesucht. Der amerikanische Präsident redete zuerst von incursion, dann von invasion, später sprach man von civil war, dann von foreign control.“  Kein Physiker oder Biologe kennt die Implikationen, die der jeweilige Ausdruck hat. Je nachdem welchen Begriff man aussucht, wird das Leben der Menschen in der Region gerettet oder ruiniert. Words do matter.

Sind die Geisteswissenschaften wirklich so realitätsfremd, wie man es meistens behauptet? Um Erkenntnisse der Wissenschaft zu veranschaulichen, braucht man Beispiele. Unser Beispiel ist vorrangig Osteuropa, weil es genauso unentdeckt und missverstanden ist wie die Geisteswissenschaften selbst.

[1]Die Prognose gilt für die arabischen Länder. Es ist belegt, dass das nicht an den Kompetenzen liegt, hochwertige Bomben zu bauen. Vgl. Gambetta D., Hertog St. Engineers of Jihad: The Curious Connection between Violent Extremism and Education. Princeton University Press, 2016. Kap. 1.